https://www.faz.net/-gyl-6kwd1

Baumkletterer : Auf dem Weg zur Spitze

Hoch hinaus... Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Sie werden dafür bezahlt, Baumkronen zu erklimmen, Äste zu kappen und Zapfen zu sammeln. Auch als Baumkletterer sind Forstingenieure gefragt.

          5 Min.

          Über allen Wipfeln ist Unruh. Penetrant dringt das Motorensummen der viel befahrenen A 8 München-Salzburg über Wiesen und Wald im Berchtesgadener Land. Das aber scheint der einzige Schönheitsfehler der alpenländischen Postkartenidylle zu sein. Schöner kann ein Arbeitsplatz nicht sein, wäre da nicht die Höhe. Denn Alexander Nickel hockt 30 Meter über dem Boden in einer Lärche. Die Krone schwankt, der Mann im Baum lacht und schnippt graue Borkenstücke weg, die sich klackernd in die Tiefe verabschieden. „Ich seil' mich raus“, ruft er und gleitet lässig in Sekunden am Stamm herunter.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Dafür, dass er auf schwindelerregend hohe Bäume klettert und Zapfen pflückt, wird der durch und durch sportliche Forstingenieur bezahlt. Besonders im vergangenen Erntejahr hatte er alle Hände voll mit der Zapfenernte zu tun. „Das war eine Jahrhunderternte, dieses Jahr sind die Bäume ausgepowert“, sagt der FH-Absolvent, während er sich am Fuß der schlanken Lärche den Hang durch Brombeer- und Brennesselgestrüpp zurück auf den Forstweg kämpft.

          Die Ernte liefert er im „Amt für Saat- und Pflanzenzucht“ ab, das im malerischen Teisendorf liegt. Das Amt residiert in dem 6000-Einwohner-Ort nahe der österreichischen Grenze in einem um das Jahr 1600 erbauten Forstamt. Hier hat Nickel sein Büro und bringt die Zapfen ins Labor zur DNA-Analyse. Seine Kollegin Barbara Fussi räumt „Eschensamen mit Embryo“ beiseite und skizziert einige Aufgaben des Amtes: „Wir testen hier zum Beispiel Bestände auf ihre genetische Vielfalt und führen Nachkommenschaftsprüfungen durch.“ Im Rahmen eines ausgeklügelten Kontrollsystems werden Herkunftsnachweise von Baumsamen gemacht, die an Baumschulen verkauft werden sollen. Die Ernteunternehmer und Käufer wollen Sicherheit, ob das von ihnen bestellte Buchensaatgut tatsächlich aus der bayrischen Hochlage der Alpen stammt und zu Recht 70 bis 80 Euro je Kilo wert ist oder gar aus dem flachen Alpenvorland und nur 30 bis 40 Euro kosten sollte. Nickel liefert der österreichischen Biologin die Proben der Eichen, Buchen und Nadelbäume.

          Alexander Nickel erntet Baumsamen für das bayerische Amt für Saat- und Pflanzenschutz

          Forstingenieure gehen in die unterschiedlichsten Berufsfelder

          Als Forstingenieur hoch hinaus zu wollen, ist nicht typisch. Die Absolventen, welche die Universität oder die Fachhochschule mit einem dem Diplom, Bachelor- oder Master „Forstingenieur“ verlassen, besetzen sehr unterschiedliche Berufsfelder. Absolventen gehen in die Holz- und Papierindustrie oder die Maschinentechnik. Andere arbeiten bei Versicherungen und sind dort für Schadeneinschätzungen zuständig. Gefragt sind Forstingenieure aber auch in der Entwicklungshilfe. Den Alltag verbringen die meisten Forstingenieure dann in Büros oder Werkhallen, nicht aber in der Natur.

          Das aber ist für Alexander Nickel entscheidend, der den Typ Naturbursche verkörpert und den man sich in einer verkehrsumtosten Großstadt nicht wirklich gut vorstellen kann. Wenn irgend möglich, verbringt der passionierte, in Passau aufgewachsene Kletterer seine freie Zeit in den Alpen, genauer an deren Berghängen. Seine Kletterleidenschaft beruflich nutzen zu können, ist für ihn grandios. „Das ist wirklich ein Traumjob und manchmal bezahltes Bergwandern. Man arbeitet eigenständig, ist viel draußen“, strahlt er über das ganze braun gebrannte Gesicht. Die Bewerbung in Teisendorf verlief bilderbuchmäßig glatt. „Dass ich alpines Klettern beherrsche, kam gut an.“ Gut in seinem Lebenslauf machte sich auch, dass er bei der Münchner Baumkletterschule einen Kurs belegt hatte und sich seither European Tree Worker nennen kann. In Gilching zwischen München und Ammersee gibt es diese Schule, die in ganz Deutschland Spezialisten vermittelt, die professionell Bäume erklimmen und vor allem Baumpflege und -beschnitt anbieten, Baumgutachten erstellen oder schwierige Fällungen machen. Die Mitarbeiter sind Forstingenieure oder als Fachagrarwirte für Baumpflege qualifiziert.

          Mit der Hebebühne in die Höhe

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Helene Fischer in Düsseldorf

          F.A.S. exklusiv : Aufstand der Stars

          Die großen Plattenfirmen in Deutschland bekommen Ärger. Manager zahlreicher Rock-, Pop- und Schlagerstars wollen, dass die Musiker stärker an den sprudelnden Einnahmen aus dem Musikstreaming beteiligt werden.
          Amazon in  Staten Island

          Onlinehandel : Wer hat Angst vor Amazon?

          Der Internethändler gewinnt Marktanteile – während die deutschen Einzelhändler ums Überleben kämpfen. Aufgeben wollen sie aber nicht, im Gegenteil.
          In diesem Haus in Starnberg wurden die Leichen gefunden.

          Mord statt Suizid in Starnberg : „Passt das zu den Spuren?“

          Nach dem gewaltsamen Tod einer Familie in Starnberg hat die Polizei zwei Verdächtige festgenommen. Ein 19 Jahre alter Bekannter des getöteten Sohnes hat das Verbrechen gestanden. Wie kam die Polizei ihm auf die Spur?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.