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Finanzbranche : „Frauen und Männer rechnen gleich gut“

Alexandra Niessen-Ruenzi ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Bild: Rainer Wohlfahrt

Fast 60 Prozent weniger als die Männer verdienen Frauen in der britischen Großbank HSBC. Vor allem weil so wenige Frauen dort in den Chefetagen sitzen. Ein Problem der ganzen Branche, sagt BWL-Professorin Alexandra Niessen-Ruenzi im Interview.

          5 Min.

          Die Finanzbranche gilt als Männerdomäne. Es gibt nur wenige Analystinnen oder Fondsmanagerinnen. Was macht die Branche für Frauen so unattraktiv?

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die wahrgenommene Dominanz von Männern und das ausgeprägte Konkurrenzdenken in dieser Industrie spielen eine große Rolle. So gaben weibliche Studierende in einer Umfrage unter mehr als 1000 BWL-Studenten häufig an, sich bei der Arbeit unwohl zu fühlen, wenn das eigene Geschlecht unterrepräsentiert ist. Zudem wird die Finanzbranche den Ansprüchen von Frauen nicht ausreichend gerecht, zum Beispiel was familienfreundliche Arbeitsbedingungen anbelangt.

          Liegt das also an den Frauen selbst?

          Nicht nur. Wir haben herausgefunden, dass Investoren ihr Geld deutlich lieber bei männlichen Fondsmanagern anlegen, obwohl diese keine bessere Wertentwicklung liefern. Dies kann zu einem Anreiz für die Branche führen, Frauen nicht für solche Positionen zu engagieren.

          Provokativ gefragt: Können Frauen einfach nicht rechnen?

          Hier spricht die Forschung eine deutliche Sprache: Frauen und Männer lösen Rechenaufgaben im Durchschnitt gleich gut.

          Frauen sind oft ähnlich qualifiziert und am Thema Finanzen interessiert wie Männer. Ist der schlechte Ruf der Finanzbranche für Frauen dafür ausschlaggebend, dass sie diese meiden?

          Dies ergeben zumindest unsere Forschungen. Weibliche Studierende legen nicht nur viel mehr Wert auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als männliche Kommilitonen. Ihnen ist es auch viel wichtiger, dass ihre Arbeit den eigenen Moralvorstellungen entspricht. Sie haben oft Bedenken, dass eine Arbeit in der Finanzindustrie unvereinbar mit der eigenen moralischen Integrität sein könnte.

          Gibt es Unterschiede innerhalb der Branche oder innerhalb eines Unternehmens?

          Unsere Umfrageergebnisse zeigen, dass sich Frauen innerhalb von Fondsgesellschaften eher für die Bereiche Marketing und Personal interessieren, während Männer vor allem im Portfoliomanagement und in der Produktentwicklung arbeiten möchten. Die von Männern dominierten Bereiche sind also die vermeintlich kompetitiveren, bieten aber auch in der Regel die besser bezahlten Jobs.

          Sind Frauen zu bescheiden und denken zu viel an das Team?

          Frauen sind in der Tat weniger konkurrenzorientiert als Männer und scheuen oftmals den Wettbewerb. Dies geht so weit, dass sogar die leistungsschwächsten Männer eine Wettbewerbssituation häufiger wählen als die besten Frauen. Dieser Unterschied scheint zum Teil kulturell bedingt: In Gesellschaften, in denen traditionell Frauen Führungspositionen innehaben, beobachtet man nämlich genau das umgekehrte Phänomen.

          Was stört Frauen außerdem? Zum Beispiel, dass sie von den Netzwerken der Männer ausgeschlossen sind?

          Ich denke, dass Männer gerade in oberen Führungsetagen häufiger einen Kommunikationsstil pflegen, der auf Frauen einschüchternd wirkt. Ob absichtlich oder nicht – der Netzwerkeffekt scheint mir ein indirektes Resultat zu sein; ich bezweifle, dass die daraus folgenden Nachteile vielen Frauen bewusst sind.

          Wie stehen Männer zu der weiblichen Konkurrenz?

          Abgesehen von anekdotischer Evidenz, gibt es hier leider wenig belastbare Forschungsergebnisse. Männer sehen Konkurrenz eher geschlechtsunabhängig.

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