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Authentizität : Macken machen sympathisch

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Wer sich im Beruf ständig verbiegt, tut sich damit keinen Gefallen. Authentizität ist erlaubt - sogar erwünscht. Vorausgesetzt, Mitarbeiter lassen nicht ihre schlechte Laune an den Kollegen aus.

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          Morgens beim Bäcker. Die Kundin strapaziert die Nerven der Verkäuferin und der wachsenden Warteschlange. Drei oder vier Brötchen. Mit oder ohne Mohn. Nein, doch lieber mit. Prompt entdeckt die entscheidungsschwache Dame Kornwecken im Angebot, tyrannisiert die Bäckersfrau mit Fragen nach Zusatzstoffen und intimen Allergiegeschichten. Bezahlt werden schlussendlich zwei Brötchen mit einem 50-Euro-Schein. Da platzt der Verkäuferin der Kragen, sie keift die Kundin an. In gewisser Weise waren beide Frauen authentisch: Die eine hat ihrer Wut Luft gemacht, die andere hat ihre Emotionalität ausgelebt. Sie haben ihr wahres Ich gezeigt. Dem Miteinander ist das nicht zuträglich.

          Ursula Kals
          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Denn Authentizität, die unverstellte Echtheit im Umgang mit anderen, reklamieren viele gerne für sich, leben hierbei aber nur ihre Disziplin- und Rücksichtslosigkeit aus. „Ich bin eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu“, lautet der legendäre Satz aus einem Stück des Dramatikers Ödon von Horváth. Gerade im Berufsalltag neigen Menschen dazu, in Rollen zu schlüpfen, die ihnen wesensfremd sind. Sie sind überzeugt: Nur wer sich verbiegt, kann im Haifischbecken bestehen, nur wer Vorgesetzten obrigkeitshörig-servil begegnet, der überlebt. Sie irren.

          Es geht auch darum zu zeigen: „Hey, ich kann auch etwas!“

          „Auf Dauer verlieren solche Menschen an Respekt. Sie nehmen sich so zurück, dass sie nicht mehr natürlich erscheinen und Charisma verlieren“, sagt Felicitas von Elverfeldt aus Frankfurt, seit 15 Jahren auf Führungskräftetraining spezialisiert. Überzeugend treten eher diejenigen auf, die so sind, wie sie sind, und die Echtheit verkörpern. Psychologin von Elverfeldt sagt: „Grundsätzlich empfehle ich, die eigene Individualität authentisch zu leben. Wer sich zu sehr zurücknimmt, verliert an Wirkung und Führungsstärke. Es geht auch darum zu zeigen: ,Hey, ich kann auch etwas!'“

          Anne Katrin Matyssek aus Düsseldorf, ebenfalls Diplompsychologin, vertritt eine ähnliche Haltung und rät, „sich so authentisch wie möglich zu verhalten, sich transparent machen und Emotionen zu zeigen“. Damit stellt die Führungsexpertin aber nicht all jenen einen Freifahrschein aus, die ungebremst herumpoltern und ihre fehlende Affektkontrolle als authentisch deklarieren: „Das ist unverschämt, schlechter Sozialumgang und Missbrauch eines Modewortes.“ Siehe Bäckerei. Immer wieder hat Anne Katrin Matyssek Klienten, häufig Ingenieure, die entweder „mit Pokerface unterwegs sind“ oder ihre Mitarbeiter anraunzen, weil sie zu Hause unter Druck stehen. Schulterzuckend sagt ein Klient ihr im Gespräch: „Das Polternde ist eben meine Art. Meine Leute kennen mich so und können damit umgehen.“

          Gute Strategien sehen anders aus. Anne Katrin Matyssek skizziert eine mögliche Haltung: „Natürlich sollten Sie nicht sagen: ,Gestern habe ich meine Frau beim Fremdgehen erwischt!', aber ruhig: ,Heute ist nicht mein Tag, heute ist mir nicht nach Kontakt.' Damit stößt man keinen vor den Kopf, wird aber in Ruhe gelassen.“ Ihren Pokerface-Klienten versucht sie nahezubringen, dass es nicht darum geht, „Selbstzweifel im großen Stil offen vor sich herzutragen“, aber möglicherweise bei Kundenreklamationen kleine Fehler zuzugeben. „Das macht sympathisch.“ Zumal Menschen perfekte Menschen nicht so gerne mögen. Eine Super-Kleidergröße-34-Vierfach-Mutti vom Typ Heidi Klum finden „echte“ Mütter nicht wirklich anziehend. Überdies provozieren Hochglanzfassaden-Menschen die anderen, auf Fehlersuche zu gehen.

          „Ich sage doch nicht, was ich denke“

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