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Auszeit im Kloster : Stille gegen den Stress

Beleggruppen sind die Haupteinnahmequelle

So wundert es nicht, dass das Bildungshaus St. Martin gut gebucht ist. Haupteinnahmequelle des Klosters sind sogenannte Beleggruppen. Half vor 44 Jahren eine Nachbarin beim Bettenwechsel, so gibt es jetzt 30 Mitarbeiter, viele davon arbeiten in Teilzeit. An diesem Aprilwochenende ziehen einige Rollköfferchengruppen an der kaukasischen Flügelnuss vorbei zur Pforte, darunter ein Chor und eine katholische Männergruppe. Auch ein Team um einen evangelischer Pfarrer checkt ein. Um ökumenischen Austausch ist es gut bestellt. Manche widmen sich der Fortbildung, andere gehen zum Nordic Walking ans Seeufer. Über den idyllischen Klostergarten wehen Hallelujagesänge aus dem Barocksaal.

Wie gelangen Besucher in den Ruhemodus? Schwester Helga-Gabriela Haack hat eine einfache Antwort: Der beständige Rhythmus des Klosteralltags zwingt zur Gelassenheit. Die spätberufene Sechsundfünfzigjährige, die erst mit 45 Jahren als gestandene Berliner Pflegedienstleiterin in den Orden eintrat, ist überzeugt: „Wir brauchen Einsatz und Auszeit, damit wir im Rhythmus des Lebens bleiben.“ Allein schon die regelmäßigen Mahlzeiten seien für Gehetzte Luxus. „Das sind tagestrukturierende Maßnahmen, durchaus in therapeutischem Sinn, aber eben auch in Freiheit.“ Ganz zu schweigen von den gemeinsamen Gebeten. Hausgäste und Besucher sind zu den drei Gebetszeiten in die Kapelle eingeladen. „Wir bieten einen geschützten Raum zum Daseindürfen. Dann kommt die Seele hinterher, und meine Themen springen auf. Auch wenn es innerlich kribbelt, ich innerlich schon auf dem Sprung bin.“

Die Laudes beginnen um 6.30 Uhr. „Wir schwingen uns gemeinsam in die Psalmengesänge, dieser Atmosphäre entzieht sich keine oder niemand.“ Sanft drängt Schwester Helga-Gabriela die Besucherin teilzunehmen. Runde Bänke umkreisen den Altar in der Mitte der modernen Kapelle. In der Fastenzeit schweigt die Orgel, es gibt keine Blumen, aber Kerzen. 14 Schwestern und eine Handvoll Hausgäste in Trekkingkleidung nehmen Platz. Draußen hebt sich die stockdunkle Nacht, der See glitzert, knorrige Apfelbäume zeigen Schattenrisse. Es wird schwer, nicht in kitschige Beschreibungen abzudriften. Fein und hell wird der Hymnus angestimmt: „Hilf uns, das Ziel zu erreichen, das wie aus weiter Ferne ruft. Gib Kraft durch Deine Nähe, durch guter Menschen Wort und Tat.“ Auf einen Psalm über den ewigen Gott und den vergänglichen Menschen folgt eine Lesung aus dem Buch Jeremia. Das Nachdenken über innere Neubesinnung ist lebendig: Wer mag, darf in die Runde sprechen, worüber er nachdenkt. Schwester Helga-Gabriela dankt „für das Miteinander-Teilen der Worte“. Zum Schluss singen wir „Herr, gib uns Mut zu hören“.

„Lösch aus, was Hass und Neid verübt“

Die Mittagshore um 12 Uhr besuchen deutlich mehr ausgeschlafene Gäste. Gemeinsam wird gebetet und gesungen. Auf die Lesung folgt der Hymnus: „Lösch aus, was Hass und Neid verübt.“ Danach gibt es Klosterküche vom Feinsten, auf Wunsch auch vegetarisch. Im gemütlichen Stüberl am Kräutergarten wird nachmittags Kuchen aufgefahren, selbst gebacken und üppig. Fastenzeit hin oder her, das ist eine Auszeit für die Seele und den Leib. Eine halbe Stunde vor dem Abendessen folgt die Vesper mit Petrusbrief und Lobgesang Marias. Theoretisch geht das natürlich auch im Alltag, dreimal täglich innehalten und abschalten. Nur, wer hält das durch?

Der Schlaf im geschichtsträchtigen Gemäuer ist unruhig. Schwester Helga-Gabriela hört das oft und ist leicht belustigt: „Da war die Stille wohl zu still.“ Mal flott zwei Tage Kraft im Kloster tanken, um sich wieder in den Stress zu stürzen, dieser naive Vorsatz sei nicht einlösbar, warnt Schwester Hedwig, die Oberin: „Wir leben hier aus dem Glauben. Das ist nicht einfach ein Trick, wie man ruhig werden kann.“ Gerade bei jenen nicht, denen Glaube etwas ganz Fremdes sei, „die aber irgendwie hierher geraten sind“. Und Schwester Beate erklärt: „Es geht um Haltung und Werte und nicht darum, wie kann ich mehr aus mir und meinen Mitarbeitern herausholen.“

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