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Arbeiten im Ausland : Ausflug in eine fremde Welt

  • -Aktualisiert am

Wagen Sie sich doch mal raus Bild: fotolia.com

Ein Auslandsaufenthalt eröffnet neue Horizonte - fachlich und persönlich. Nicht nur erfahrene Berufstätige zieht es deshalb in ferne Länder. Auch für Auszubildende gibt es Austauschprogramme.

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          Über dem Schreibtisch von Corinna Knott hängt ein Foto aus Tibet. Es zeigt zwei Männer in dünnen Baumwollumhängen auf einem Pilgerpfad, die sich betend in den Schnee werfen. „Es soll mich daran erinnern, dass Menschen in anderen Ländern mitunter eine ganz andere Kultur und Weltanschauung haben als ich selbst“, sagt die gelernte Industriekauffrau. Knott hat das Foto während eines beruflichen Auslandsaufenthalts gemacht. Elf Monate verbrachte die Hamburgerin in China, büffelte Mandarin in Jinan und sammelte berufliche Erfahrungen bei der Bertelsmann-Tochter Arvato in Schanghai

          „Ich bin nach China gegangen, weil ich gerne im Vertriebsaußendienst arbeiten wollte“, sagt Knott. „Dafür ist aber Auslandserfahrung nötig.“ Also kündigte sie kurzerhand ihre Stelle und bewarb sich für das Heinz-Nixdorf-Programm, das vornehmlich jungen Nachwuchsführungskräften Berufspraktika in asiatischen Ländern ermöglicht. Begleitend bereitete die gemeinnützige Gesellschaft „Internationale Weiterbildung und Entwicklung“ (InWent) Knott mit einem interkulturellen Training und einem Sprachkurs auf das Ausland vor. InWent ist eine Initiative von Bund, Ländern und Wirtschaft und einer der größten deutschen Anbieter von beruflicher Auslandsqualifizierung.

          Weiterbildung plus Persönlichkeitsentwicklung

          Gemeint ist damit berufliche Weiterbildung, kombiniert mit Persönlichkeitsentwicklung. Auslandsreisende lernen neue Arbeitsweisen, Geschäftspraktiken und fremde Märkte kennen, trainieren Sprachen und die vielgerühmten Soft Skills. Gleichzeitig erwerben sie interkulturelle Kompetenzen. Wer mit ausländischen Geschäftspartnern zu tun hat, lernt nicht nur deren Sitten und Gebräuche kennen, sondern auch die unterschiedlichen Verhandlungs- und Umgangsformen. Die Personalverantwortlichen der Konzerne freuen sich über derart ausgebildete Bewerber. Der Personalleiter der Shell-Rheinland-Raffinerie, Stephan Scholz, lobt beispielsweise die Fähigkeit, Unterschiede wertschätzen zu können. Diese sollten Kandidaten mitbringen, wenn sie für Shell arbeiten wollen.

          Doch weltweit agierende Unternehmen warten nicht mehr ab, bis entsprechend qualifizierte Bewerber auf sie zugehen. Auslandsqualifizierung ist bei ihnen längst Teil der betrieblichen Ausbildung. „Wir bilden für den eigenen Bedarf aus, und die Förderung von Auslandserfahrung bei den Auszubildenden ist deshalb eine Investition in unser Unternehmen“, sagt zum Beispiel Mareike Hammerschmidt-Wilkens, Projektleiterin von Airbus Deutschland. 650 Airbus-Mitarbeiter hat Hammerschmidt-Wilkens in den vergangenen sieben Jahren zur Weiterbildung ins Ausland geschickt. Zudem beteiligt sich der Flugzeugbauer an der deutsch-britischen Austauschinitiative „Training Bridge“, die sich an junge Menschen in der Ausbildung richtet.

          Nicht nur in Großunternehmen

          Die Weiterentwicklung des Personals in fernen Ländern beschränkt sich nicht auf Großunternehmen. Da sich Mittelständler jedoch in den seltensten Fällen internationale Programme à la Airbus leisten können, tragen Austauschinitiativen wie „Training Bridge“ dazu bei, dass auch den Azubis kleinerer Betriebe der Blick über den Tellerrand möglich ist.

          Anlaufstelle für die Beschäftigten kleinerer Unternehmen sind meist die örtlichen Handwerkskammern. Innerhalb der Handwerkskammer in Münster organisiert Anita Urfell von der „Kontaktstelle Ausland“ seit fünf Jahren Auslandsqualifizierungen für Auszubildende aus der Region. Mitmachen können prinzipiell Azubis aller Berufssparten. In Münster sind es unter anderem Kosmetiker, Raumausstatter, Zimmerer, Kfz-Mechatroniker und Friseure. Vielen Arbeitgebern fällt es nicht leicht, den oftmals einzigen Lehrling mehrere Wochen zu entbehren. „Aber es lohnt sich“, ist Urfell überzeugt. Die jungen Menschen kämen reifer und motivierter zurück.

          Langfristig planen

          Wer zur beruflichen Fortbildung ins Ausland gehen möchte, sollte langfristig planen – für Übersee mindestens ein Jahr im Voraus. Als Faustregel gilt: Je besser die Vorbereitung, desto größer der Nutzen – eine klare Zielsetzung ist gefragt. Wenn es losgeht, sollten folgende Fragen geklärt sein: Wie viel Geld kann und möchte ich investieren? In welchem Land kann ich mich am besten in meinem Tätigkeitsfeld weiterbilden? Wie sieht dort der Arbeitsmarkt aus? Was möchte ich nachher mit meiner Erfahrung machen?

          In der Hitliste der Zielregionen steht Nordamerika an erster Stelle, gefolgt von Europa. Von einem Trend will InWent-Mitarbeiterin Kuni Richter allerdings nicht sprechen. Wer wohin reise, hänge auch von der jeweiligen Branche ab: „Public Relations, Marketing, Bankwesen, Foto- und Grafikdesign – das sind Branchen, in denen in den Vereinigten Staaten nach wie vor Standards gesetzt werden.“ Wenn es allerdings um Zukunftstechnologien ginge, sei Asien angesagt, etwa Indien oder Japan.

          „Wer nach Asien geht, nimmt im Vorfeld einiges in Kauf“, weiß die Auslandsexpertin. „Das sind wirklich Leute, die eine besondere Herausforderung suchen.“ Und diese auch finden. „China hat mir persönlich neue Horizonte eröffnet“, sagt zumindest Industriekauffrau Corinna Knott. Und auch beruflich hat sich die Reise für sie gelohnt. Die 36-Jährige ist mittlerweile Geschäftsführerin des Photo- und Medienforums Kiel. Eine Auslandslektion, die die Hanseatin wohl nie vergessen wird: Wer sich in China mit einem freundlichen „tschüss!“ verabschiedet, stößt auf wenig Gegenliebe. In Mandarin bedeutet das nämlich so viel wie „fahr zur Hölle“.

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