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Studienabbruch : Turbo-Ausbildung für Aussteiger

  • -Aktualisiert am

Ein junger Mechatroniker justiert einen Diodenlaser bei Jenoptik. Bild: dpa

Das Studium geschmissen - und jetzt? Beileibe kein Weltuntergang. Denn Abbrecher stehen bei ausbildenden Betrieben hoch im Kurs. Und die Lehre können sie im Schnelldurchlauf absolvieren.

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          Nicht jeder findet an einer Hochschule sein Glück. „Viel zu trocken, viel zu theoretisch, viel zu wenig angewandt“, erzählt Philipp Habrich von seiner Zeit an der RWTH Aachen. Nach zwei Semestern brach er das Informatikstudium ab. Dabei hatte er sich den Zugang zum Studium hart erarbeitet. Nach dem Realschulabschluss absolvierte er zunächst eine schulische Ausbildung zur „Technischen Assistenz für Informatik“, holte nebenher das Fachabitur nach, danach das volle Abitur. Doch das Studium lag ihm nicht. Es folgte der Wechsel an die Aachener Fachhochschule, in der Hoffnung auf mehr Praxisorientierung. Vier Semester später wieder das Aus. Diesmal lag es an Mathematik.

          Das sei ein sehr emotionaler Moment gewesen, erinnert sich Habrich. „Zweimal das Studium abgebrochen. Man fragt sich natürlich, ob man überhaupt für etwas geeignet ist.“ Denn Studieren steht hoch im Kurs, wird mehr denn je als Grundstein beruflichen Erfolgs gesehen. Abbrechen dagegen gilt als Zeichen persönlichen wie akademischen Versagens. Diese Entwicklung geht auf jahrelange Abmahnung vor allem durch die Industrieländerorganisation OECD zurück. Die Pariser Wissenschaftler kritisierten, dass Deutschland zu wenige Akademiker habe und im internationalen Bildungsvergleich abgehängt werde.

          Seitdem scheint es in den Köpfen der Bildungspolitiker kaum ein anderes Ziel mehr zu geben, als junge Menschen mit Hochschulzertifikaten auszustatten. Schlossen im Jahr 2000 noch 37 Prozent eines Jahrgangs die Schule mit einer (Fach-)Hochschulreife ab, waren es zuletzt schon 51 Prozent. Die Zahl der Studienanfänger stieg seit der Jahrtausendwende von 315.000 auf mehr als 500.000. Bei alldem Akademisierungsdrang wird jedoch oft vernachlässigt, dass Masse nicht gleich Klasse ist. Denn viele verlassen wie Philipp Habrich die Hochschulen ohne Abschluss. Sein Glück im Unglück: Während des Studiums arbeitete er in einem Computerladen. Dort sollte ein Kollege den rettenden Hinweis geben.

          Arbeitslosigkeit unter Abschlusslosen konstant hoch

          Aachen war 2011 die erste Stadt, die ein Programm entwickelte, welches Studienabbrechern ein attraktives Umsatteln ermöglicht. Mit dem Programm „Switch“ kann nach mindestens zwei Studiensemestern und 20 absolvierten Credit-Punkten eine Ausbildung im Schnelldurchlauf absolviert werden. „Im besten Fall ist man nach 18 Monaten fertig, normalerweise dauert es 36“, sagt Thomas Hissel, der Initiator des Programms und stellvertretender Leiter der Aachener Wirtschaftsförderung. In Aachen gebe es jährlich etwa 3500 Studienabbrecher, in ganz Deutschland wird die Zahl auf 60.000 bis 100.000 geschätzt; Die Dunkelziffer ist hoch. Wie es mit ihnen weitergeht, ist schwierig zu sagen. Einer Untersuchung des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zufolge beginnt nur jeder fünfte Abbrecher eine Ausbildung. Der Rest nehme entweder ohne Berufsabschluss eine Arbeit auf, werde selbständig oder arbeitslos.

          Eine traurige Rechnung, findet Hissel. Die Arbeitslosigkeit unter Abschlusslosen liegt konstant bei mehr als 20 Prozent, ihre Arbeitsplätze sind am unsichersten. „Dabei stehen Studienabbrecher hoch im Kurs“, sagt Hissel. Sie brächten Fachkompetenz aus dem begonnenen Studium mit, dazu oft deutlich mehr Lebenserfahrung. Das macht sie für Ausbildungsbetriebe besonders interessant. Denn die sind oft händeringend auf der Suche nach qualifizierten Auszubildenden, jährlich steigt die Zahl der unbesetzten Lehrstellen. Gleichsam stellt das Zusammenbringen beider Seiten eine große Herausforderung dar: Die Hochschulen bieten kaum oder nur unzureichende Beratung, die Unternehmen wissen nicht, wie sie die Abbrecher am besten erreichen können.

          Das Switch-Programm will an dieser Stelle ansetzen und als Vermittler einspringen. Für derzeit drei Ausbildungsberufe - Fachinformatiker, Industriekaufleute und Mechatroniker - wurde ein verkürztes Ausbildungsprogramm zusammengestellt. Interessierte Studienabbrecher absolvieren einen Eignungstest, erhalten eine intensive Telefonberatung und Unterstützung bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen. Daraufhin wird ein Kurzprofil der Bewerber an die beteiligten Ausbildungsbetriebe gesendet, mittlerweile sind es etwa 140. Die Reaktionen sind in der Regel ein wahrer Segen für das Selbstbewusstsein der Abbrecher. „Innerhalb einer halben Stunde erhielt ich 20 positive Rückmeldungen, am Ende des Tages waren es sogar 40“, erzählt Philipp Habrich. „Damit hätte ich nie gerechnet.“ Innerhalb einer Woche absolvierte er zahlreiche Vorstellungsrunden. Am Ende konnte er sich aus fünf interessanten Angeboten eines aussuchen. Die Entscheidung fiel auf die Grün Software AG.

          Rückkehr aus der Selbstständigkeit

          Mittlerweile ist die Ausbildung abgeschlossen und Habrich übernommen. Damit ist er keine Ausnahme. Trotz des straffen Zeitplans - immerhin wird ein Drei-Jahres-Pensum in anderthalb Jahren absolviert, dazu vier Tage in der Woche Arbeit im Betrieb - hat bisher noch jeder der inzwischen 170 Teilnehmer die Ausbildung bestanden. Und das mit überdurchschnittlich guten Noten. Das nimmt auch Oliver Grün, Vorstand der Grün Software AG und Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand, so wahr. „Bisher haben acht Switch-Teilnehmer bei uns eine Ausbildung absolviert, davon sind sieben noch im Unternehmen.“ Eine Übernahmequote von 90 Prozent sieht man sonst selten. „Studienabbrecher, die sich entscheiden, eine Ausbildung aufzunehmen, sind in der Regel reifer. Sie wissen, was sie wollen. Sind motivierter.“ Deswegen habe ihn das Programm auch sofort angesprochen. „Wir sind von Anfang an dabei gewesen. Und haben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht.“

          Ganz ähnlich sieht die Geschichte von Pina S. aus. Sie studierte Wirtschaft und Recht an der Hochschule Wildau bei Berlin. Zunehmend bekam sie das Gefühl, dass Kommilitonen mit einer abgeschlossenen Ausbildung ihr weit voraus waren. „Die hatten einen praktischen Bezug und konnten mit der Theorie deutlich mehr anfangen“, erzählt sie von ihrem Studium. Zudem vermisste sie ein klares Berufsbild: „BWL ist so undefiniert. Für mich ist es wichtig, eine bestimmte Sicherheit zu haben. Etwas, worauf ich zurückgreifen kann.“ Nach zwei Semestern wandte sie sich an eine Sozialarbeiterin an der Hochschule. „Der Studienabbruch war ein großer Schritt für mich. Jeder in meinem Umfeld studiert, man fühlt sich gescheitert.“ Doch die Sozialarbeiterin bestärkte sie in ihrem Wechselwunsch. „Ich solle das machen, was mir am besten liegt.“

          Sie landete schließlich bei Jakob Schmachtel. Er verantwortet das Programm „Your Turn“ der Industrie- und Handelskammer Berlin. Das Konzept ähnelt Switch, ist nur etwas jünger und kleiner. Die junge Frau erhielt Tipps für die Bewerbung, eine Liste mit teilnehmenden Unternehmen und schlussendlich einen Ausbildungsplatz. Seit Februar wird sie zur Immobilienkauffrau ausgebildet. Für Karsten Block war Your Turn hingegen eine Gelegenheit zur Rückkehr aus der Selbständigkeit. Insgesamt sechs Jahre studierte er Geographie, bis der Nebenjob Überhand gewann. „Aus finanziellen Gründen.“ Er brach ab, ohne Abschluss. Und arbeitete anschließend vier Jahre lang selbständig, querbeet, wo immer er Angebote fand. Aber auf Dauer erschien ihm das keine gute Lösung zu sein. „Das war eine sehr unsichere Zeit, langfristige Planung ist fast nicht möglich.“ Eine längere Krankheit hielt ihm das deutlich vor Augen. Eine Anzeige in der U-Bahn machte ihn auf die Turbo-Ausbildung aufmerksam. Mittlerweile ist er nur noch ein halbes Jahr von der Abschlussprüfung zum Fachinformatiker entfernt.

          Akademikerkinder werden schnell Bildungsabsteiger

          Die verkürzte Ausbildungszeit trug entscheidend zum Umsatteln bei. „Noch einmal ganz von vorne anzufangen hätte mich abgeschreckt“, gesteht Pina S. Dem können Philipp Habrich und Karsten Block nur beipflichten. Nach mehreren Jahren Studium und Arbeit hätten sie nicht noch einmal volle drei Jahre eine Ausbildung machen wollen. Hissel und Schmachtel sind sich daher sicher, dass ihre Programme einen wahren Mehrwert liefern. Und einen Beitrag zur Aufwertung der dualen Berufsausbildung. Denn im Zuge der zunehmenden Akademisierung erhält die Ausbildung zunehmend eine negative Konnotation, obwohl sie von vielen europäischen Ländern im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit kopiert wird und auch die OECD ihre Haltung komplett geändert hat.

          Aber Akademikerkinder wie Philipp Habrich und Pina S. werden offiziell als Bildungsabsteiger betitelt. Dass das keinem guttut, hat auch die Bundesregierung erkannt. Die Förderung der dualen Berufsausbildung steht sogar im Koalitionsvertrag. Ein besonderes Augenmerk soll nun den Studienabbrechern gelten. Seit Anfang 2015 werden 18 Projekte über das Förderprogramm Jobstarter Plus mit insgesamt 7,2 Millionen Euro gefördert. Switch ist eines von ihnen. Hissel freut sich über die Finanzspritze. „Damit können wir unsere Arbeit deutlich ausweiten.“

          Ihm schweben weitere Ausbildungsberufe vor, eine bessere Vernetzung mit den Hochschulen und der Wirtschaft. Das große Ziel ist eine Full-Service-Agentur: „Die Interessenten sollen schlussendlich nur noch eine Anlaufstelle haben, die sie von Anfang bis Ende begleitet.“ Die Kommunikation zwischen Wirtschaft, Stadt, Universitäten, Arbeitsagentur und Studenten soll so optimiert werden. „Immerhin sitzen wir jetzt an einem Tisch und gehen das Problem gemeinsam an“, fasst Schmachtel die ersten Erfolge der Programme zusammen. Das erhöhe die Chance der Studenten, wieder Fuß zu fassen, gewaltig. Ein späterer Wiedereinstieg ins Studiums ist damit natürlich nicht ausgeschlossen. Die absolvierten Semester kann ihnen schließlich keiner mehr nehmen.

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