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Studienabbruch : Turbo-Ausbildung für Aussteiger

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Sie landete schließlich bei Jakob Schmachtel. Er verantwortet das Programm „Your Turn“ der Industrie- und Handelskammer Berlin. Das Konzept ähnelt Switch, ist nur etwas jünger und kleiner. Die junge Frau erhielt Tipps für die Bewerbung, eine Liste mit teilnehmenden Unternehmen und schlussendlich einen Ausbildungsplatz. Seit Februar wird sie zur Immobilienkauffrau ausgebildet. Für Karsten Block war Your Turn hingegen eine Gelegenheit zur Rückkehr aus der Selbständigkeit. Insgesamt sechs Jahre studierte er Geographie, bis der Nebenjob Überhand gewann. „Aus finanziellen Gründen.“ Er brach ab, ohne Abschluss. Und arbeitete anschließend vier Jahre lang selbständig, querbeet, wo immer er Angebote fand. Aber auf Dauer erschien ihm das keine gute Lösung zu sein. „Das war eine sehr unsichere Zeit, langfristige Planung ist fast nicht möglich.“ Eine längere Krankheit hielt ihm das deutlich vor Augen. Eine Anzeige in der U-Bahn machte ihn auf die Turbo-Ausbildung aufmerksam. Mittlerweile ist er nur noch ein halbes Jahr von der Abschlussprüfung zum Fachinformatiker entfernt.

Akademikerkinder werden schnell Bildungsabsteiger

Die verkürzte Ausbildungszeit trug entscheidend zum Umsatteln bei. „Noch einmal ganz von vorne anzufangen hätte mich abgeschreckt“, gesteht Pina S. Dem können Philipp Habrich und Karsten Block nur beipflichten. Nach mehreren Jahren Studium und Arbeit hätten sie nicht noch einmal volle drei Jahre eine Ausbildung machen wollen. Hissel und Schmachtel sind sich daher sicher, dass ihre Programme einen wahren Mehrwert liefern. Und einen Beitrag zur Aufwertung der dualen Berufsausbildung. Denn im Zuge der zunehmenden Akademisierung erhält die Ausbildung zunehmend eine negative Konnotation, obwohl sie von vielen europäischen Ländern im Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit kopiert wird und auch die OECD ihre Haltung komplett geändert hat.

Aber Akademikerkinder wie Philipp Habrich und Pina S. werden offiziell als Bildungsabsteiger betitelt. Dass das keinem guttut, hat auch die Bundesregierung erkannt. Die Förderung der dualen Berufsausbildung steht sogar im Koalitionsvertrag. Ein besonderes Augenmerk soll nun den Studienabbrechern gelten. Seit Anfang 2015 werden 18 Projekte über das Förderprogramm Jobstarter Plus mit insgesamt 7,2 Millionen Euro gefördert. Switch ist eines von ihnen. Hissel freut sich über die Finanzspritze. „Damit können wir unsere Arbeit deutlich ausweiten.“

Ihm schweben weitere Ausbildungsberufe vor, eine bessere Vernetzung mit den Hochschulen und der Wirtschaft. Das große Ziel ist eine Full-Service-Agentur: „Die Interessenten sollen schlussendlich nur noch eine Anlaufstelle haben, die sie von Anfang bis Ende begleitet.“ Die Kommunikation zwischen Wirtschaft, Stadt, Universitäten, Arbeitsagentur und Studenten soll so optimiert werden. „Immerhin sitzen wir jetzt an einem Tisch und gehen das Problem gemeinsam an“, fasst Schmachtel die ersten Erfolge der Programme zusammen. Das erhöhe die Chance der Studenten, wieder Fuß zu fassen, gewaltig. Ein späterer Wiedereinstieg ins Studiums ist damit natürlich nicht ausgeschlossen. Die absolvierten Semester kann ihnen schließlich keiner mehr nehmen.

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