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Studienabbruch : Turbo-Ausbildung für Aussteiger

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Eine traurige Rechnung, findet Hissel. Die Arbeitslosigkeit unter Abschlusslosen liegt konstant bei mehr als 20 Prozent, ihre Arbeitsplätze sind am unsichersten. „Dabei stehen Studienabbrecher hoch im Kurs“, sagt Hissel. Sie brächten Fachkompetenz aus dem begonnenen Studium mit, dazu oft deutlich mehr Lebenserfahrung. Das macht sie für Ausbildungsbetriebe besonders interessant. Denn die sind oft händeringend auf der Suche nach qualifizierten Auszubildenden, jährlich steigt die Zahl der unbesetzten Lehrstellen. Gleichsam stellt das Zusammenbringen beider Seiten eine große Herausforderung dar: Die Hochschulen bieten kaum oder nur unzureichende Beratung, die Unternehmen wissen nicht, wie sie die Abbrecher am besten erreichen können.

Das Switch-Programm will an dieser Stelle ansetzen und als Vermittler einspringen. Für derzeit drei Ausbildungsberufe - Fachinformatiker, Industriekaufleute und Mechatroniker - wurde ein verkürztes Ausbildungsprogramm zusammengestellt. Interessierte Studienabbrecher absolvieren einen Eignungstest, erhalten eine intensive Telefonberatung und Unterstützung bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen. Daraufhin wird ein Kurzprofil der Bewerber an die beteiligten Ausbildungsbetriebe gesendet, mittlerweile sind es etwa 140. Die Reaktionen sind in der Regel ein wahrer Segen für das Selbstbewusstsein der Abbrecher. „Innerhalb einer halben Stunde erhielt ich 20 positive Rückmeldungen, am Ende des Tages waren es sogar 40“, erzählt Philipp Habrich. „Damit hätte ich nie gerechnet.“ Innerhalb einer Woche absolvierte er zahlreiche Vorstellungsrunden. Am Ende konnte er sich aus fünf interessanten Angeboten eines aussuchen. Die Entscheidung fiel auf die Grün Software AG.

Rückkehr aus der Selbstständigkeit

Mittlerweile ist die Ausbildung abgeschlossen und Habrich übernommen. Damit ist er keine Ausnahme. Trotz des straffen Zeitplans - immerhin wird ein Drei-Jahres-Pensum in anderthalb Jahren absolviert, dazu vier Tage in der Woche Arbeit im Betrieb - hat bisher noch jeder der inzwischen 170 Teilnehmer die Ausbildung bestanden. Und das mit überdurchschnittlich guten Noten. Das nimmt auch Oliver Grün, Vorstand der Grün Software AG und Präsident des Bundesverbands IT-Mittelstand, so wahr. „Bisher haben acht Switch-Teilnehmer bei uns eine Ausbildung absolviert, davon sind sieben noch im Unternehmen.“ Eine Übernahmequote von 90 Prozent sieht man sonst selten. „Studienabbrecher, die sich entscheiden, eine Ausbildung aufzunehmen, sind in der Regel reifer. Sie wissen, was sie wollen. Sind motivierter.“ Deswegen habe ihn das Programm auch sofort angesprochen. „Wir sind von Anfang an dabei gewesen. Und haben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht.“

Ganz ähnlich sieht die Geschichte von Pina S. aus. Sie studierte Wirtschaft und Recht an der Hochschule Wildau bei Berlin. Zunehmend bekam sie das Gefühl, dass Kommilitonen mit einer abgeschlossenen Ausbildung ihr weit voraus waren. „Die hatten einen praktischen Bezug und konnten mit der Theorie deutlich mehr anfangen“, erzählt sie von ihrem Studium. Zudem vermisste sie ein klares Berufsbild: „BWL ist so undefiniert. Für mich ist es wichtig, eine bestimmte Sicherheit zu haben. Etwas, worauf ich zurückgreifen kann.“ Nach zwei Semestern wandte sie sich an eine Sozialarbeiterin an der Hochschule. „Der Studienabbruch war ein großer Schritt für mich. Jeder in meinem Umfeld studiert, man fühlt sich gescheitert.“ Doch die Sozialarbeiterin bestärkte sie in ihrem Wechselwunsch. „Ich solle das machen, was mir am besten liegt.“

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