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Aus der Praxis : Landärztin aus Überzeugung

  • -Aktualisiert am

Die Frauenärztin Britta Kayser nimmt sich Zeit für ihre Patientinnen Bild: Michael Löwa

In den Städten klagen Mediziner über zu viel Konkurrenz, aber in die Provinz will kaum jemand gehen. Die Gynäkologin Britta Kayser hat den Schritt gewagt. Am Rande der Lüneburger Heide braucht sie einen langen Atem.

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          Britta Kayser ist Gynäkologin in Gifhorn am Südrand der Lüneburger Heide. Ihre Praxis im Dachgeschoss eines Ärztehauses in einem abgelegenen Ortsteil der kleinen Kreisstadt eröffnete sie im April dieses Jahres. "Natürlich macht das Spaß. Das habe ich mir doch ausgesucht", sagt die Mutter zweier Kinder im Alter von neun und elf Jahren. Sie nimmt sich Zeit, ihre Geschichte zu erzählen. Die Ärztin stammt aus Siebenbürgen. Von Kindesbeinen an wollte sie Gynäkologin werden. Sie hatte 70 Puppen, untersuchte und behandelte sie. Schon als Mädchen fraß sie sich durch gynäkologische Fachliteratur, die der Bruder des Großvaters, ein Frauenarzt, zurückgelassen hatte, nachdem er nach Kriegsende vor dem Kommunismus nach Deutschland geflohen war. Im September 1991 legte Kayser ihr Diplom als Medizinerin ab.

          Am 11. Dezember 1991 reiste sie nach Deutschland ein, in das Land, aus dem ihre Vorfahren einst ausgewandert waren. Schon wenige Monate später hatte sie eine Anstellung gefunden an einer Klinik in Wolfsburg. "Drei Jahre war ich Sklave, habe während Operationen Haken gehalten bis zum Umfallen. Damals waren wir 16 Assistenten. Später waren wir nur noch fünf für die doppelte Arbeit. Das war kein Job für eine Mutter." Ihre Aufgabe als Mutter nimmt Kayser sehr ernst. Sie spricht gern über ihre Kinder, berichtet von der Freude der Tochter am Reiten, aber auch von den Zwängen der Schule.

          Viele Ärzte wählen Standorte nicht strategisch

          Schließlich übernahm Kayser Vertretungen in Praxen, liebte das ambulante Operieren und hielt Ausschau nach einer eigenen Niederlassung. Doch die Zulassung ist beschränkt. Die Sperren wurden erlassen, als sich in der Vergangenheit die - schon niedergelassenen - Ärzte vor weiterer Konkurrenz schützen wollten und die Kassen festgestellt hatten, dass sich jeder neu niedergelassene Arzt seine Nachfrage schafft. Für regionale Zulassungsbezirke ist ein bestimmter Bedarf an Ärzten der jeweiligen Fachrichtung definiert. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die Genossenschaft der Kassenärzte, wacht über die Einhaltung der Zulassungssperren. Zwar bleiben Vertragsarztsitze im Harz, in Wolfenbüttel oder Harburg unbesetzt, obwohl die KV den Ärzten in den unterversorgten Gebieten sogar eine Umsatzgarantie gibt, für welche sie aber nie wird einstehen müssen, weil es dort garantiert genug zu tun geben wird. Doch die meisten Ärzte wählen ihren Standort offenbar nicht strategisch, sondern passend zu ihren persönlichen Bedürfnissen. Ein Fachmann der Kassenärztlichen Bundesvereinigung drückte die Situation folgendermaßen aus: "Allgemeinärzte wollen zurück in ihre Heimat, Fachärzte richten sich an ihrem Studienort ein. Dann sind beide wie festgeschraubt." Das trifft nicht auf Kayser zu. Sie war mobil und kam nach Deutschland. Aber wer wollte ihr nun verdenken, dass sie aus Rücksicht auf ihre Familie, den Ehemann und die Kinder, in ihrer näheren Umgebung nach einer Praxis suchte.

          Der Erfolg stellte sich nicht so rasch ein, wie dies in Zeiten des vermeintlichen Ärztemangels zu erwarten gewesen wäre. Drei Jahre dauerte es, bis Kayser den Zuschlag für ihren Vertragsarztsitz als Gynäkologin erhalten hatte. Bis es so weit war, kamen ihr Zweifel, ob alles mit rechten Dingen zugehen sollte. Ihr schien es, als sollte ein privater Klinikkonzern, der ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) aufbaute, oder ein Kollege, "der schon eine große Praxis hat und sich noch an einem MVZ beteiligt", bevorzugt werden. Aber am 15. November vorigen Jahres war es endlich so weit. Kayser erhielt den Zuschlag, in Gifhorn eine gynäkologische Praxis errichten zu dürfen. Am 15. März war ihr letzter Tag in der Klinik, und am 1. April eröffnete sie ihre Praxis. Die 91 Quadratmeter große Praxis mietete sie in einem Ärztehaus. Dessen Eigentümer, ein Allgemeinarzt, riet ihr zu: "Frau Kayser, das wird was."

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