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Serie „Ich mach mein Ding“ : Ein-Frau-Betrieb mit Familienanschluss

  • -Aktualisiert am

Glückliche Ladenbesitzerin: Marion Mann in ihrem Geschäft für Wohnungseinrichtung und Dekoration. Bild: Rainer Wohlfahrt

15 Jahre war Marion Mann Konstrukteurin bei einem Heidelberger Unternehmen. Doch schon lange träumt sie von einem Laden für Inneneinrichtung. Der Zufall hilft ihr. Folge 5 der Sommerserie.

          5 Min.

          Wer durch die Gemeinde Hirschberg an der Bergstraße fährt, dem kann es passieren, dass er an „La Bagatelle“ vorbeirauscht. Das liegt nicht daran, dass der kleine Laden unscheinbar wäre, wie sein Name suggeriert - im Gegenteil. Marion Mann hat vor ihrem Geschäft bunte Kissen auf Gartenmöbeln aus rustikalem Holz plaziert, weithin leuchtend wecken die Arrangements den Wunsch, an Ort und Stelle Platz zu nehmen. Glaslaternen mit Kerzen in vielen Farben und Blumen aller Couleur lassen vergessen, dass die Möbel auf dem Gehsteig und nicht in einem Garten stehen. Im Erdgeschoss eines zierlichen Fachwerkhauses situiert, lädt das kleine Geschäft zum Stehenbleiben und Stöbern ein.

          Die Idylle wird allerdings dadurch gestört, dass die pittoreske Breitgasse, in der Manns Laden liegt, über die Jahre zu einer Durchgangsstraße geworden ist, die hinter Hirschberg in sanften Serpentinen in den nahen Odenwald führt. Wer also durch den 9500-Seelen-Ort fährt, ist oft nur auf der Durchreise in die Naherholung oder den Urlaub. Anfang Januar 2013 ist auch Mann nur auf der Durchreise. Wie viele Male zuvor fährt sie ins zehn Kilometer entfernte Altenbach, ihrem Wohnort, die Breitgasse entlang.

          Vor kurzem hat sie nach fast 15 Jahren ihre Festanstellung bei den Heidelberger Druckmaschinen gekündigt, sie möchte nicht mehr als Maschinenbaukonstrukteurin arbeiten. Interessante, aber auch fordernde Jahre liegen hinter ihr. Spätestens ein Jahr nach der Geburt ihrer drei Söhne 2002, 2004 und 2009 fängt sie jeweils wieder an, in Teilzeit zu arbeiten, denn zu Hause zu bleiben ist weder finanziell noch intellektuell eine Alternative. Flexible Chefs und gute Kollegen ermöglichen es ihr, den Spagat zwischen Beruf und Familie ziemlich gut zu meistern. Nach zehn Jahren in derselben Abteilung bringt der Wechsel in ein Team mit Kundenkontakt und mehr Aufgaben im Projektmanagement neue Impulse.

          Ihr macht schon immer Freude, was manchen ein Greuel ist

          Doch der Gedanke, ihren recht techniklastigen Beruf nicht bis an ihr Lebensende ausüben zu wollen, nimmt immer mehr Raum ein in ihrem Leben. Mit Anfang 40 wünscht sie sich einen Neuanfang. Aber eine neue Aufgabe ist nicht in Sicht, denn dafür müsste sie wissen, worin die Alternative bestehen soll. „Und dann seh ich, wie eine Frau da in dem alten Buchladen rumkruschelt und Kisten hinausträgt“, sagt Marion Mann mit dezentem Kurpfälzer Zungenschlag. Fast schon ferngesteuert hält sie an und steckt den Kopf durch die Eingangstür des Hauses, durch die heute ihre Kunden gehen - und fragt, was denn hier los sei. Während sie von den Anfängen ihres Geschäftes erzählt, lehnt sie sich lässig an dessen Theke.

          Die 44 Jahre alte Ladenbesitzerin tritt entschlossen auf, wenn sie von „La Bagatelle“ spricht, das aus dem Französischen übersetzt „Kleinigkeit“ bedeutet. Mittlerweile nimmt die „Kleinigkeit“ einen großen Teil an Zeit und Energie der Inhaberin in Anspruch; vor zwei Jahren hatte alles tatsächlich ganz klein angefangen: Noch aus den Räumen der alten Buchhandlung, die gerade ausgeräumt wird, ruft sie ihren Mann an, berichtet begeistert von dem Wunsch der Vermieterin, dort einen Laden für Wohnaccessoires zu etablieren. Wäre sie spirituell, sie würde fast schon an Schicksal glauben. Denn es ist genau das, was ihr seit Jahren in den Verschnaufpausen, die ihr zwischen Arbeit und Familie bleiben, immer wieder in den Sinn kommt: ein eigener kleiner Laden für Inneneinrichtung, das wär’s!

          Ihr macht schon immer Freude, was manchen Menschen ein Greuel ist und oft in Verzweiflungskäufen bei Ikea endet: Räume zweckmäßig, aber gemütlich, stilvoll und mit einer individuellen Note einzurichten. Nach ihrer Ausbildung zur technischen Zeichnerin absolviert Mann auf der Technikerschule in Mannheim eine Weiterbildung zur Maschinenbautechnikerin, im Zusatzunterricht erwirbt sie die Fachhochschulreife auf der Technikerschule in Mannheim. Sie überlegt, Innenarchitektur zu studieren. Doch auch bei der Konstruktion von Motoren in einem Ingenieurbüro, für das sie nach einer Weiterbildung zur Maschinenbautechnikerin anfängt zu arbeiten, kann sie ihr Interesse am Gestalten ausleben. Sie wählt „die sichere Variante“, wie sie aus heutiger Perspektive sagt, und ist nicht unzufrieden damit.

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