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Negativtrend : Was der Zeitarbeit zu schaffen macht

Auch in Reinigungsberufen gab es ein Minus. Bild: dpa

Die Zahl der Leiharbeiter geht deutlich zurück, besonders in der Automobilindustrie. Das liegt nicht nur an der schwächeren Konjunktur.

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          Die konjunkturelle Schwächephase, der Mangel an Fachkräften sowie eine schärfere Regulierung setzen der Zeitarbeit zu. Das geht aus einer Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit hervor, die am Montag veröffentlicht wurde. Demnach gab es im Jahr 2018 durchschnittlich rund eine Million Leiharbeitnehmer in Deutschland – 32.000 oder 3 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Bis zum Jahresende sank ihre Zahl sogar auf 924.000, das waren rund 9 Prozent weniger als noch Mitte vergangenen Jahres.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Besonders kräftig fiel der Rückgang in klassischen Produktionsberufen aus. Hier schlägt offensichtlich die Konjunktur durch: Die Industrie schwächelt schon seit einiger Zeit, was zunächst vor allem Zeitarbeitsunternehmen zu spüren bekamen, die viele Kunden in der Automobilindustrie haben. In der jüngsten Zeit häufen sich allerdings auch im Maschinenbau die Hiobsbotschaften. Im kaufmännischen Bereich sowie bei den wirtschaftlichen Dienstleistern, also in Sicherheits- oder Reinigungsberufen, gab es ebenfalls ein Minus. Der Anteil der Zeitarbeitskräfte an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist dadurch ebenfalls gesunken und beträgt nun nur noch 2,8 Prozent.

          Keine schwere Krise in Sicht

          Der Negativtrend begann allerdings schon Ende 2017, weshalb viel dafür spricht, dass sich auch die jüngste Regulierung der Zeitarbeit auf die Beschäftigten auswirkt. Seit etwas mehr als zwei Jahren müssen Leiharbeitnehmer nach neun Monaten Einsatzzeit im Betrieb genauso entlohnt werden wie vergleichbare Stammarbeitskräfte („Equal Pay“). Zudem dürfen sie nur noch 18 Monate im gleichen Unternehmen eingesetzt werden. Diese Regelungen sollten ursprünglich dazu dienen, die Arbeitskräfte zu schützen. Selbst sie sind zum Teil aber unzufrieden, weil sie nun häufiger wechselnde Einsätze haben.

          Auch finanziell können ihnen Nachteile entstehen, weil in vielen Branchen – etwa in der Auto- oder der Chemieindustrie – nach und nach Zuschläge auf den Grundlohn gezahlt werden. Muss ein Leiharbeitnehmer anderswo neu anfangen, bekommt er wieder den geringeren Lohn.

          Von Zeitarbeitsunternehmen ist zu hören, dass ihnen die Entwicklung durchaus Sorgen macht, sich aber noch keine so schwere Krise abzeichnet wie im Jahr 2008. Die Arbeitnehmerüberlassung gilt traditionell als Vorbote für die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, denn wenn es wirtschaftlich bergab geht, schicken Unternehmen häufig als Erstes die Zeitarbeitskräfte nach Hause. 2008 wurde das besonders deutlich: Da gab es saisonbereinigt schon im Frühjahr einen regelrechten Beschäftigungseinbruch in der Zeitarbeit, während der Rückgang in der Gesamtwirtschaft erst im Herbst einsetzte. Auch aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit zeichnet sich bislang kein vergleichbarer Abschwung ab.

          „Politik könnte nachbessern“

          Ohnehin muss auf einen Beschäftigungsrückgang in der Zeitarbeit nicht zwangsläufig eine ähnliche Entwicklung in anderen Branchen folgen. Denn eine Ursache kann auch sein, dass die Kundenunternehmen mehr Leiharbeitskräfte übernehmen. Tatsächlich hat auch die Arbeitnehmerüberlassung inzwischen Schwierigkeiten, Personal zu finden und Kundenanfragen zu bedienen, wie Werner Stolz sagt, der Hauptgeschäftsführer des Interessenverbands Deutscher Zeitarbeitsunternehmen.

          Er hofft, dass es im Rahmen der anstehenden Evaluation der jüngsten Regulierung, die das Bundesarbeitsministerium gerade offiziell ausgeschrieben hat, noch zu Gesetzeskorrekturen kommt. Darauf setzt auch Sebastian Lazay, Präsident des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister. Er sagte der F.A.Z.: „Zumindest in diesem Punkt könnte die Politik nachbessern und aufhören, die Branche immer weiter zu regulieren und sie stattdessen als unverzichtbaren Bestandteil des deutschen Arbeitsmarktes begreifen.“

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