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Arbeitszeit in der EU : Weniger schaffen nur Schweden und Dänen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Eiro

Die Deutschen arbeiten nach einer neuen EU-Studie 41,1 Stunden in der Woche - mehr als der EU-Durchschnitt von 40 Stunden. Nach der Jahresarbeitszeit landen die Deutschen aber auf dem viertletzten Platz der EU.

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          In Bulgarien und Rumänien arbeiten Beschäftigte im Durchschnitt wöchentlich 41,7 Stunden und damit 4 Stunden länger als Arbeitskräfte in Frankreich (37,7 Stunden). Dies geht aus einem jetzt vorgelegten Vergleich der Europäischen Beobachtungsstelle für Entwicklung der Arbeitsbeziehungen (Eiro) hervor, die seit 1997 der in Dublin ansässigen Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eurofound) angegliedert ist. Deutschland liegt demnach mit einer durchschnittlichen effektiven Arbeitszeit von 41,1 Stunden in der Woche an sechster Stelle der Rangliste der 27 EU-Staaten - deutlich über dem EU-Durchschnittswert von 40 Stunden.

          Die EU-Beobachtungsstelle warnt in ihrem Bericht jedoch vor voreiligen Schlüssen. Ein zuverlässiger Vergleich werde dadurch erschwert, dass es von Land zu Land große Unterschiede in der Berechnung der tatsächlichen Arbeitszeit gebe. So sei in vielen Ländern die jährliche Arbeitszeit für die Berechnung maßgeblich; schwierig werde der Vergleich auch, wenn Urlaubszeiten, Überstunden sowie Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse mitberücksichtigt werden, bemerken die Verfasser der Eiro-Studie, deren Zahlen sich auf das vierte Quartal des Jahres 2007 beziehen.

          In den Tarifverträgen steht´s anders

          So zeigt die Studie ein anderes Bild, wenn man die tariflich vereinbarten Arbeitszeitregelungen unter Berücksichtigung des bezahlten Jahresurlaubs und der gesetzlichen Feiertage für einen EU-Vergleich zugrunde legt. Die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit betrug demnach in den EU-Ländern rund 1743 Stunden. In Estland und Rumänien lag sie mit jeweils 1856 Stunden am höchsten. Nur 1568 Stunden im Jahr betrug sie in Frankreich, weil dort im Jahr 2000 eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 35 Stunden gesetzlich festgeschrieben worden ist. Deutschland lag in der EU-Rangliste mit einer jährlichen Arbeitszeit von knapp 1651 Stunden an viertletzter Stelle, dahinter kamen Dänemark (1635 Stunden) und Schweden (1620 Stunden).

          Bild: WSI-Tarifarchiv

          Allerdings relativieren die Autoren der Eiro-Studie die Aussagekraft dieser Zahlen mit dem Hinweis auf die geringe Tarifbindung in den zwölf neuen Mitgliedstaaten, die in den Jahren 2004 und 2007 der EU beigetreten sind. Durchschnittlich gebe es dort nur für rund 40 Prozent der Arbeitnehmer tarifvertragliche Regelungen, während der Anteil in den 15 alten EU-Ländern bei rund 75 Prozent liege.

          Auch in den neuen Mitgliedstaaten übersteigt die tariflich festgelegte wöchentliche Arbeitszeit nirgendwo 40 Stunden. Mit durchschnittlich 39,7 Stunden liegt sie jedoch nach wie vor deutlich über dem Durchschnittswert von 37,9 Stunden für die 15 alten Länder. Die Studie zeigt, dass sich das Gefälle zwischen neuen und alten Mitgliedsländern zuletzt kaum verringert hat. Dass in Deutschland die tariflich vereinbarte wöchentliche Arbeitszeit seit 2006 von 37,7 auf 37,6 Stunden leicht gesunken ist, erklärt sich durch die spezifischen Regeln für Ostdeutschland.

          Mehr Leistung als im Arbeitsvertrag

          Länger als die tariflich festgelegten Arbeitszeiten sind die tatsächlich geleisteten. Die Übersicht von Eiro dazu bestätigt das fortbestehende Gefälle zwischen alten und neuen Mitgliedstaaten. Weniger als die für die EU insgesamt als Durchschnittswert ermittelten 40 Wochenstunden arbeiten in den Beitrittsländern lediglich Slowaken (39,9 Stunden) und Zyprer (39,1 Stunden). In den alten EU-Ländern verbringen nur Briten mit 41,4 Stunden sowie Deutsche und Österreicher mit jeweils 41,1 Stunden mehr Zeit als der EU-Durchschnitt am Arbeitsplatz.

          Im öffentlichen Dienst gibt es zum Teil deutlich kürzere Arbeitszeiten. In Italien etwa beträgt die tarifliche wöchentliche Arbeitszeit des öffentlichen Dienstes nur 32,9 Stunden, während sie in Deutschland mit 39 Stunden über dem EU-Durchschnittswert von 38,3 Stunden liegt. Erhebliche Unterschiede gibt es in den EU-Ländern auch bei der Dauer des bezahlten Urlaubs und den gesetzlichen Feiertagen, wie aus der Studie hervorgeht. Der gesetzlich garantierte Mindesturlaub reicht von 20 Tagen (in 18 Mitgliedstaten) bis 25 Tage (in fünf Mitgliedstaaten), Bei den tariflichen Vereinbarungen steht Schweden mit jährlich 33 Urlaubstagen an der Spitze. Dahinter folgen Dänemark und Deutschland mit 30 Tagen, während Esten und Zyprer nur einen tariflichen Anspruch auf 20 Tage bezahlten Urlaub im Jahr haben.

          Statistisch gesehen gibt es in den 27 Mitgliedsländern jährlich 10,7 gesetzliche Feiertage. Die Spanne reicht von jeweils sieben Tagen (in den Niederlanden und Rumänien) bis zu 15 Tagen (in der Slowakei). In Deutschland gibt es unterschiedliche Regelungen in den einzelnen Bundesländern, wobei es ein Nord-Süd-Gefälle gibt. Mit (im statistischen Durchschnitt) jährlich 10,5 Feiertagen liegt es knapp unter dem EU-Mittelwert.

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