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Arbeitsplatzsicherheit : Bis dass die Rente euch scheidet

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Gibt es ihn noch, den einen Arbeitsplatz fürs ganze Leben? Viele Berufseinsteiger sehnen sich danach - und fürchten sich vor einer unsicheren Zukunft. Doch ihre Angst ist ein Phantom: Die Dauer der Beschäftigungsverhältnisse nimmt sogar zu.

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          So war Arbeit früher: Ausbildung im Betrieb, erste feste Stelle, Weiterbildung, vielleicht sogar ein vom Betrieb unterstütztes Studium, schließlich Aufstieg und Führungsverantwortung. Genau so ist es bei Bernhard Schwab gelaufen: 1967 begann er als Werkzeugmacher beim Wälzlagerhersteller Ina, der zur Schaeffler-Gruppe gehört. Eine Standuhr mit echtem Uhrwerk zeigt heute bei ihm zu Hause die Zeit an, ein Geschenk zum 40. Dienstjubiläum. Inzwischen ist Schwab Ausbildungsleiter seines Konzerns, seit 43 Jahren im Unternehmen - und hört von seinen jungen Kollegen oft genug, dass sie sich eine ähnlich lange Betriebszugehörigkeit wünschen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Untersuchungen wie die Shell-Jugendstudie, Befragungen der Gewerkschaften und Erhebungen im Auftrag von Unternehmen liefern ähnliche Resultate. Die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes hat für die meisten jungen Leute demnach einen wachsenden Stellenwert. Waren Jugendliche etwa noch in den neunziger Jahren zufrieden, wenn ihre Selbstbestimmung erfüllt war und ihr Beruf ihnen einen gewissen Lebensgenuss ermöglichte, habe sich die Gewichtung seit Anfang des neuen Jahrtausends verändert, berichtet Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in Berlin, einer der Autoren der Shell-Jugendstudie 2010. „Seither traten Ordnung, Sicherheit, Bindung und Fleiß wieder stärker in den Vordergrund.“

          „Die Jugendlichen haben einen nüchternen Blick“

          Mit Pragmatismus reagierten die jungen Leute demnach darauf, dass die Verhältnisse am Arbeitsmarkt für Berufseinsteiger unübersichtlicher geworden sind. Die Zahl der befristeten Stellen etwa ist in den vergangenen zehn Jahren in der Gruppe zwischen 15 und 25 Jahren um 29 Prozent gestiegen - auf zuletzt 493.000. Mehr als die Hälfte der Befragten unter 30 Jahren hat Erfahrungen mit Befristung gemacht, ergab eine Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes im vergangenen Jahr; in der Gruppe ab 30 Jahren war der Anteil mit einem Drittel deutlich geringer. Zeitarbeit hatten doppelt so viele in der jüngeren wie in der älteren Gruppe erlebt. Dass sich 95 Prozent der Jüngeren Arbeitsplatzsicherheit wünschten, wertet DGB-Vize Ingrid Sehrbrock als Zeichen dafür, dass ein Modell „moderner Arbeitsnomaden“, die von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle ziehen, nicht ihr Ideal sei.

          „Eine Generation mit hohem Sicherheitsstreben stößt auf eine Situation, in der sie mit Befristungen und Flexibilitätsanforderungen leben muss“ - so fasst Martina Gille, wissenschaftliche Referentin des Deutschen Jugendinstituts, die Befunde zusammen. „Je mehr die Unsicherheit am Arbeitsmarkt zunimmt, desto mehr steigt der Wunsch nach Sicherheit“, erläutert Tomas Jerkovic von der Gesellschaft für Innovative Marktforschung in Heidelberg das Phänomen. Für das Versicherungsunternehmen Allianz hat er Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren repräsentativ befragt. Überraschend häufig hätten die Befragten Sicherheit als einen zentralen Wert für ihr Berufsleben genannt. Auf die gewachsenen Anforderungen an ihre Flexibilität reagierten sie allerdings nicht resigniert, sondern seien bereit, in ihre eigenen Fähigkeiten zu investieren.

          Dass sie wie Bernhard Schwab mehrere Jahrzehnte bei ein und demselben Arbeitgeber bleiben werden, hielten die meisten für unrealistisch. Ihre Wechselbereitschaft ist laut Jerkovic aber eher ein Zeichen von Pragmatismus als der erklärte Wunsch, dynamisch zu sein und alle zwei Jahre eine neue Herausforderung zu suchen. „Die Jugendlichen haben da einen nüchternen Blick“, sagt er. „Es gibt weniger Normalarbeitsverhältnisse. Also muss ich mich darauf einstellen, mal den Arbeitsplatz zu wechseln.“

          Die gefühlte Unsicherheit entspricht nicht der tatsächlichen Lage

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