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Serie „Anders arbeiten“ : Das Büro als Wohlfühl-Oase

80 Prozent arbeiten noch wie im letzten Jahrhundert

In 20 Prozent der Unternehmen finden Mitarbeiter schon wahrhaft moderne Arbeitsbedingungen vor, schätzt Samir Ayoub, geschäftsführender Gesellschafter des Beratungs- und Einrichtungsunternehmens Designfunktion. Das allerdings heißt im Umkehrschluss auch: 80 Prozent arbeiten noch buchstäblich so wie im letzten Jahrhundert. Dort überböten sich die Unternehmen mit grauem Einerlei, wie Ayoub es formuliert. Doch nicht mehr lange, wenn es darum geht, neue Mitarbeiter zu locken. Das äußere Erscheinungsbild ist inzwischen wichtiger als ein Bonus, so behaupten es zumindest die Befragten im Stepstone Employer Branding Report: 83 Prozent der Bewerber ist eine gute Arbeitsumgebung und -ausstattung wichtig. Nur 75 Prozent behaupten das über Boni.

Unternehmen, die sich wandeln, tun es oft radikal, das jedenfalls zeigt die Praxis von Designfunktion. In nur noch zwei von zehn Fällen sind überhaupt noch Einzel- oder Zweierbüros gefragt. Bei den restlichen acht geht es um Großraumlösungen, davon in zwei Fällen die besonders flexible Variante mit wechselnden Schreibtischen. Dann geht morgens zu Dienstantritt die große Schreibtischsuche los – ein Schicksal, das bisher meist den Praktikanten vorbehalten war. Bei Microsoft in München hingegen sucht auch der Chef des Morgens ein freies Plätzchen.

Man kann den Wandel als vorübergehenden Hype abtun, aber damit würde man womöglich einen Trend verschlafen. Unternehmen stecken nicht umsonst Millionen in die Ausgestaltung ihrer Büroräume. Sie tun das, um die Mitarbeiter zu mehr Produktivität zu bewegen, und die sehen viele inzwischen in gestalterischer Arbeit. Samir Ayoub arbeitet seit 1994 in der Bürobranche, niemals hat er einen solch umfassenden Wandel gesehen wie in den vergangenen drei, vier Jahren, sagt er. Bürotrends gab es schon viele, oft stand die Funktionalität im Vordergrund, die optimale Raumausnutzung, die Kostenersparnis. Vor allem Anfang des neuen Jahrtausends ging es nach dem Platzen der Dotcom-Blase darum, Kosten zu sparen. Das schlug sich auch in den Büros nieder: Die wurden kleiner und spartanischer. Doch dann drehte sich der Trend um, immer mehr rückte der Mensch, das teure „Humankapital“, in den Mittelpunkt.

Es geht ums Wohbefinden

Nicht alles daran ist brandneu: Die Gesundheit der Mitarbeiter beschäftigt die Personaler schon seit Jahrzehnten. Der richtige Bürosessel, der optimale Abstand zum Bildschirm, all das ist schon lange sehr wichtig und schlägt sich auch in den vielfältigen Arbeitsschutzbestimmungen nieder. Doch jetzt geht es nicht mehr um die Gesundheit, jetzt geht es ums Wohlbefinden, eine in der Berufswelt völlig neue Kategorie, aber ansonsten weithin als Wellness-Boom bekannt. „Das Wohlbefinden ist inzwischen Dreh- und Angelpunkt“, sagt Samir Ayoub. Nicht als Selbstzweck wohlgemerkt. Sondern zur Mitarbeiterakquise und zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit. Dazu kann auch die Massage am Arbeitsplatz ihren Teil beitragen. Kostengünstig sollten die Flächen natürlich trotzdem immer noch sein, aller Inspiration zum Trotz.

Auch wir wollen uns dem neuen Büroalltag nun in einer Serie widmen. In den kommenden Wochen schauen wir uns an, wo, wie und warum die Menschen schon „anders arbeiten“, was die neuen Trends versprechen und wo sie nur schöner Schein sind.

Um schon jetzt mit einem weitverbreiteten Missverständnis aufzuräumen: Das Silicon Valley mit all seinen Tech-Giganten, oft als Experten in Sachen Wohlfühlkultur gefeiert, hat die neue Bewegung keinesfalls erfunden, allenfalls zum Hype stilisiert. Das Silicon Valley hält Ayoub in Sachen Arbeitskonzepte für vollkommen überschätzt. Vieles sei „pure Mittelmäßigkeit“, Bällebad und Rutsche reine Dekoration, um das Fehlen einer klaren Strategie zu bemänteln.

Das Konzept muss schon zum Geist des Unternehmens passen. Sonst sind die Neubaupläne fertig und einige Kollegen entsetzt, so wie es jüngst dem Technikkonzern Apple ergangen sein soll. Da hatte das Unternehmen seinen Mitarbeitern ein neues Bürogebäude hingestellt, ein ringförmiges Gebäude, „Ufo“ genannt, mit fast einem halben Kilometer Durchmesser. Selbst im Top-Management soll man ob der riesigen Großraumbüros bestürzt gewesen sein.

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