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Arbeitsort Essen : Schön und schäbig

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Die Zeche Zollverein ist Unesco-Weltkulturerbe. Bild: Edgar Schoepal / F.A.Z.

Kaum eine Stadt verbindet krasse Gegensätze so kunstvoll wie die Ruhrgebiet-Metropole Essen. Dort baut man nicht auf schönen Schein, sondern auf Bodenständigkeit. Teil 4 der Sommerserie über unsere Lieblings-Arbeitsorte in Deutschland.

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          Urverlässlich, sonnig stur. So weit so pur, komm zur Ruhr“, heißt es in der Hymne, die der in Bochum aufgewachsene Musiker Herbert Grönemeyer eigens komponiert hatte, als sich das Ruhrgebiet 2010 als Europäische Kulturhauptstadt präsentierte. Essen hatte die Ausschreibung stellvertretend für die 53 Städte des Regionalverbands Ruhr gewonnen. Und als die phantasiereiche Eröffnungsfeier nebst neuem Grönemeyer-Song in die Wohnzimmer der Nation übertragen wurde, packte dichtes Schneetreiben die große Bühne von „Zeche Zollverein“ in weiße Watte.

          Zeche, das war einmal. Heute gewaltiges Industriedenkmal und Unesco-Weltkulturerbe, haben sich auf dem Gelände längst moderne Büros, Firmensitze, Ateliers, das Ruhr Museum, das Red-Dot-Design-Museum und Restaurants angesiedelt. Es ist ein beliebter Ort für große und kleine Veranstaltungen und steht für den gewaltigen Strukturwandel an der Ruhr. Der Menschenschlag allerdings ist sich treu geblieben: „Wo man nicht dem Schein erliegt, weil man nur auf Sein was gibt“, singt Grönemeyer weiter. Ja, dort ist vermutlich Essen. Nicht zu verwechseln mit dem benachbarten Düsseldorf.




          Anna Hupfeld jobbt von Zeit zu Zeit auf Zeche Zollverein als Aushilfe bei kulturellen Veranstaltungen. Sie hat dort zwischen Abitur und Studium ein Freiwilliges Soziales Jahr im Bereich Kunst und Kultur absolviert. Das Zeitalter der Kohle hat die 23-Jährige längst nicht mehr erlebt. Das kennt sie nur aus Erzählungen der Altvordern. Denn auf dieser letzten Zeche im Stadtgebiet ist schon Mitte der 1980er Jahre die letzte Schicht gefahren worden. Die Studentin, die im nächsten Jahr an der Universität Duisburg-Essen ihren Bachelor als Kulturwirtin machen möchte, verbindet mit dem Gelände heute vor allem Kunst, Kultur und Events.

          Erst jüngst hat die Ruhrgebiet-Metropole gute Noten vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) erhalten. In dem aktuellen Städte-Ranking, das das Institut gemeinsam mit der Berenberg Bank erarbeitet hat, konnte Essen mit einem beachtlichen Sprung von Platz 21 auf Platz zehn der 30 größten deutschen Städte hochschnellen. Der Stadt sei es gelungen ein Milieu zu schaffen, in dem sich junge, hochproduktive Menschen wohl fühlen, loben die Hamburger Wirtschaftsforscher.

          Alexander Roy ist einer von denen, die sich hier wohl fühlen. Der 31-Jährige, der in der Personalabteilung des Chemiekonzerns Evonik beschäftigt ist, stammt aus Dorsten und hat in Bochum studiert. Er genießt die Vielfalt, die der gesamte große Ballungsraum Ruhrgebiet zu bieten hat, und zwar auch, was die Freizeitgestaltung angeht. In den angesagten Quartieren Rüttenscheid oder Moltkeviertel kann er am Abend mit Freunden nur einen Steinwurf von seiner im Südviertel gelegenen Wohnung um die Häuser ziehen. Für ihn ist es aber genauso selbstverständlich, in Duisburg ins Kino, auf Schalke zum Fußball oder in Dortmund in die Cocktailbar zu gehen. Die Essener Innenstadt mit dem neuen riesigen Einkaufszentrum am Limbecker Platz findet er praktisch, viel mehr aber auch nicht.

          Eines der Erkennungszeichen: Die RWE-Zentrale Bilderstrecke

          Anna Hupfeld sieht das ähnlich: Handelsketten, wie man sie auf jeder Einkaufsmeile und in jedem Shopping-Center findet. Wenn sie mit Freunden loszieht, dann zwar meist in die verschiedenen Cafés und Bistros rund um den ebenfalls in der Innenstadt gelegenen Kennedyplatz. Schließlich liegt die Uni, ein aus den 1970er Jahren stammender, mit etwas bunter Farbe aufgepeppter nüchterner Zweckbau, fast fußläufig zum Zentrum. Was ihr aber fehlt, ist ein größeres Angebot an urigen Studentenkneipen. Denn im Gegensatz zu traditionsreichen kleineren Universitätsstädten pendeln hier viele Studenten am Abend in ihre Heimatorte zurück. So kommt kein typisches Studentenstadt-Feeling auf. Nicht zuletzt deshalb engagiert sie sich auch für das Projekt „Junge Freunde Zollverein (JFZ)“, das Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein zusätzliches Veranstaltungsangebot rund um Kultur, Sport, Bildung und Party ermöglichen will.

          Generell könne man sich über die Breite des kulturellen Angebots allerdings nicht beklagen, bekräftigen beide. Mit dem Grillo-Theater, der Aalto-Oper oder der Philharmonie, mit dem Folkwang-Museum, dem Colosseum-Theater oder der Lichtburg, Deutschlands größtem Filmpalast, sei die Auswahl groß. Ein wenig mehr „szenige“ Musiker und Künstler könnten allerdings in Essen vorbeischauen, meint Roy. Köln biete da mehr. Aber was das sonstige Sport- und Freizeitangebot angeht, vom Fußball bis zur After-Work-Party am Baldeneysee, sei alles da.

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