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Arbeitsort Bonn : Boom im Bundesdorf

Irgendwie großstädtisch und irgendwie provinziell: Marktplatz im Zentrum von Bonn Bild: Edgar Schoepal / F.A.Z.

Bonn ist keine Hauptstadt mehr, entwickelt sich aber dennoch prächtig. Behörden und Konzerne sorgen für eine Menge attraktiver Arbeitsplätze. Teil neun der Sommerserie über unsere Lieblings-Arbeitsorte in Deutschland.

          5 Min.

          Betina und Steffen Beerbaum rücken die Sonnenschirme und Stühle zurecht. Das Gartengrundstück mit alten Sträuchern und Bäumen, ein Paradies für ihre zwei kleinen Kinder, zieht sich weit den Hang hinauf. Irgendwo sitzt ein Eichelhäher im Gebüsch und kreischt in den Sommerabend. Eine ländliche Idylle am Stadtrand von Bonn. Vor acht Jahren hat das Paar den Flachdachbungalow in Oedekoven gekauft, später ein großes Zimmer oben draufgesetzt. „Unser Aussichtszimmer. Von dort hat man einen wunderschönen Blick über die ganze Stadt bis weit ins Siebengebirge“, sagt Betina Beerbaum. Sie stammt aus einem kleinen Dorf im Badischen, ihr Mann aus der Pfalz. Beide arbeiten im Bundesverbraucherministerium. Als sie damals ihr Haus fanden und renovierten, war ihnen klar, dass irgendwann ein Wechsel nach Berlin anstehen könnte.

          „Sogar bei der Auswahl der Badezimmerfliesen hatten wir einen Wiederverkauf im Hinterkopf“, erzählt Betina. Mittlerweile sind ihnen das kleine Bonn, die reizvolle Landschaft und die rheinisch-lockere Art so ans Herz gewachsen, dass sie sich ein Leben in der Millionenmetropole nur noch schwer vorstellen können. Doch um die Zukunft der Bonner Ministerien ranken sich wieder wilde Spekulationen. Steffen Beerbaum lässt sich nicht verrückt machen. „Warten wir mal ab, was nach der Bundestagswahl geschieht“, meint er. Bonns Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch hat gerade einen Brandbrief an die Bundeskanzlerin geschrieben, um die Rutschbahn nach Berlin zu stoppen. Nur noch gut 7000 Ministeriale arbeiten am Rhein, mehr als 10.000 in Berlin - obwohl der Umzugsbeschluss vorsah, die Mehrzahl der Arbeitsplätze in Bonn zu erhalten.




          Sollte es auch sie treffen, könnten die Beerbaums immerhin darauf hoffen, ihr schönes Haus gut verkauft zu bekommen. Der Immobilienmarkt in der Region brummt. Die Preise für Häuser und Wohnungen im Zentrum und am Stadtrand zeigen kräftig nach oben, die Nachfrage nach Büroräumen ist ungebrochen. Bonn hat die Ausgleichshilfen von 1,4 Milliarden Euro gut investiert: in Forschungseinrichtungen, neue Hochschulen, attraktive Kulturangebote. Von Aderlass ist keine Rede mehr. Die alte Universitäts- und Verwaltungsstadt mit ihren 310.000 Einwohnern hat sich zu einem internationalen Wirtschafts- und Kulturstandort gemausert, der eine enorme Sogwirkung entfaltet. Bonn ist eine der wenigen deutschen Großstädte, deren Bevölkerung wächst. Auch weil die Bonner überdurchschnittlich viele Kinder bekommen, vor allem aber, weil attraktive Arbeitsplätze zahlreiche Neubürger in die Stadt locken. In keiner anderen Großstadt sind in den vergangenen Jahren so viele Stellen entstanden.

          Eierlikör, Haribo und Telekommunikation

          Die Deutsche Telekom und die Post sind immer noch die großen Zugpferde. Nicht nur, weil sie selbst viele tausend Menschen beschäftigen und Kaufkraft in die Stadt bringen. „An den beiden Dax-Konzernen hängt sehr viel Mittelstand“, sagt Michael Pieck von der Industrie- und Handelskammer (IHK). In ihrem Umfeld haben sich Hunderte kleinerer Unternehmen angesiedelt. Viele IT-Unternehmen sind darunter, Zulieferer, Beratungsunternehmen und Anwälte. Dass die Stadt floriert, liegt aber auch an ihren erfolgreichen Traditionsunternehmen. Der Eierlikörhersteller Verpoorten gehört dazu, der Backwarenspezialist Kessko und natürlich Haribo, die Bonner Unternehmensikone schlechthin. Wichtige Impulsgeber sind der amerikanische Konzern Eaton, der in Bonn mit 1200 Leuten elektrische Steuergeräte und Schalter produziert, oder SGL Carbon, Betreiber eines Werkes in Godesberg. Im Stadtteil Holzlar hat der Autozulieferer Kautex seinen Hauptsitz.

          Eine zentrale Rolle spielen die etwa zwei Dutzend Bundesbehörden. Viele sind erst nach dem Umzugsbeschluss nach Bonn verlagert worden. „Berlin entscheidet, und Bonn verwaltet“, lautet die neue Arbeitsteilung. Spötter interpretieren das Autokennzeichen BN deshalb gern als Berlin-Nebenstelle, Bonn selbst bezeichnet sich stolz als Bundesstadt. Finanz- und Versicherungsaufsicht, Kartellamt, Netzagentur oder Rechnungshof: Zusammen bieten sie fast 9000 zumeist gutbezahlte Arbeitsplätze. „Behörden und Ministerien sorgen mit ihren Aufträgen für eine gewisse Sonderkonjunktur in Bonn und Umgebung“, sagt IHK-Mann Pieck.

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          Über Bonns Provinzialität wurde immer schon viel gelästert. Die Unternehmen haben trotzdem kaum Schwierigkeiten, qualifizierte Leute zu finden. „Wer einmal hier ist, dem gefällt es meistens so gut, dass er auch bleibt“, sagt Wirtschaftsförderin Victoria Appelbe. Im Vergleich zu Städten ähnlicher Größe hat das kleine Bonn eine Menge zu bieten - auch dank seiner Hauptstadtvergangenheit, die aufwendige Museen, eine vielfältige Theaterlandschaft und einen Opernbetrieb hinterlassen hat, den Kritiker angesichts der Finanznöte der Stadt heute für überdimensioniert halten. Das alljährliche Beethovenfest und das Geburtshaus des berühmtesten Bonner Bürgers machen die Stadt zu einem Mekka der klassischen Musik. Kunstliebhaber kommen in einigen der wichtigsten deutschen Museen auf ihre Kosten; Bühnen wie die entlang der „Kulturmeile“ im Stadtteil Endenich bieten auf oft hohem Niveau Kabarett und Kleinkunst. Auch an außergewöhnlichen Events ist kein Mangel: Konzerte im Rheinauenpark, das Jazzfest oder die Internationalen Stummfilmtage ziehen regelmäßig Tausende Besucher an.

          Aber mit dem benachbarten Köln kann die Beethovenstadt natürlich nicht mithalten. „Bonn ist eben nicht hipp. In der Kultur- und Kreativwirtschaft verkaufen wir uns weit unter Wert“, findet Pieck von der IHK. Eingefleischte Großstadtfans schätzen an Bonn deshalb vor allem, dass sie in einer halben Stunde in der Kölner Innenstadt sind. „Unsere ausländischen Mitarbeiter, die aus sehr großen Metropolen wie Paris oder London stammen, empfinden Bonn einfach als zu klein“, erzählt Hermann Simon, Mitbegründer der Bonner Unternehmensberatung Simon Kucher & Partners. Aber dafür sei das Leben hier unkompliziert, alles überschaubar. „Neubürger knüpfen leichter Kontakt als beispielsweise in Norddeutschland oder Schwaben“, findet Simon. Landschaftlich gibt es für ihn in Deutschland ohnehin keine reizvollere Stadt.

          Rechtsrheinisch locken das Siebengebirge, im Westen das Ahrtal und die Eifel, in der Stadt viele grüne Plätze und natürlich die Rheinpromenaden mit ihren Biergärten und Cafés. Auf der Hofgartenwiese hinter dem Barockschloss, dem Uni-Hauptgebäude, treffen sich Sonnenanbeter und Freizeitkicker. Oder man lässt den Abend bei einer lässigen Runde Boule am Weiher vor dem Poppelsdorfer Schloss ausklingen. Mit ihren prächtigen stuckverzierten Gründerzeitvillen, Stadthäusern und Kastanienalleen ist die Gegend eines der beliebtesten Wohnviertel. Quirliges Kneipenleben bietet auf der anderen Seite des Zentrums die Nordstadt rund um das monströse Stadthaus.

          Zwischen dem rheinischen Singsang ist in den Bonner Cafés immer wieder Englisch, Französisch oder Spanisch zu hören. Die Internationalität ist etwas, was Dominik Bitzenhofer an Bonn besonders gut gefällt. „Fast täglich stehe ich neben Leuten in der Bahn, die sich auf Englisch unterhalten und irgendwelche Ausweise tragen“, erzählt der Jurastudent, der gerade ein Praktikum beim Bundeskartellamt absolviert. In seinem Fach fühlt er sich in Bonn besonders gut aufgehoben. „Bei Jura spielt die Uni in den Top 10 mit“, sagt er. Fast 30.000 Studenten gibt es an der Bonner Alma Mater, zu Dominiks großem Bedauern allerdings weit verstreut über die Fakultäten in verschiedenen Stadtteilen.

          Das Regierungsviertel ist zum Wirtschaftsviertel geworden

          Das wirtschaftliche Herz der Stadt schlägt im alten Regierungsviertel und entlang der B9 zwischen dem Stadtzentrum und Bad Godesberg. „Erleben, was verbindet“, leuchtet es magentarot von der Fußgängerbrücke, die von der Telekom-Konzernzentrale zu den Erweiterungsgebäuden auf der anderen Straßenseite führt. In direkter Nachbarschaft: die Postbank, die seit drei Jahren der Deutschen Bank gehört. Nicht weit vom Rheinufer ragt der Posttower in den Himmel.

          Wie ein kleinerer Bruder wirkt der mit dem blauen Emblem der Vereinten Nationen geschmückte „Lange Eugen“, das Hauptgebäude des UN-Campus mit fast 1000 Mitarbeitern. Wäre da nur nicht das Debakel um das neue internationale Konferenzzentrum gleich in der Nachbarschaft. Das Millionenprojekt sollte die Rolle als UN-Standort absichern und Bonn in die erste Reihe der Tagungsstädte katapultieren. Aber weil die Stadtoberen einem windigen Investor aufsaßen, steht die Baustelle seit Jahren still.

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