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Fachkräfte-Engpässe : Die Bewerber sind die Chefs

Besucher auf der Jobmesse Berlin im Oktober. Bild: dpa

Die Geschäfte laufen glänzend, doch viele Unternehmen ächzen unter Personalnot. Können uns Frauen, Ältere und Migranten retten?

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          Massenarbeitslosigkeit durch selbstfahrende Autos? Frank Appel schüttelt bei diesem Thema nur den Kopf. Ja, vielleicht würden in einigen Jahren tatsächlich viel weniger Fahrer und Chauffeure benötigt, weil in Klein- wie auch Lastwagen intelligente Fahrsysteme ihren Weg ans Ziel allein fänden. Derzeit könne davon aber noch keine Rede sein, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post gerade auf einer Veranstaltung der F.A.Z. Im Gegenteil! Er würde aus dem Stand etliche Fahrer einstellen – allein er findet sie nicht in ausreichender Zahl. Denn Arbeit ist gerade genug da: Rund 10.000 zusätzliche Mitarbeiter will die Post-Tochtergesellschaft DHL für das Weihnachtsgeschäft haben, damit die vielen Päckchen und Pakete pünktlich unterm Tannenbaum liegen. Die Zahl der täglichen Sendungen wird sich mit 8,5 Millionen bis Heiligabend gegenüber durchschnittlichen Tagen fast verdoppeln.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Der Post-Konzern ist nur ein Beispiel dafür, wie schwierig die Personalrekrutierung in Deutschland geworden ist. Wo man hinhört, werden Mitarbeiter gesucht. Die Konjunktur läuft weiter wie geschmiert, der jahrelange Höhenflug am Arbeitsmarkt hinterlässt immer deutlichere Spuren: Die Zahl der Erwerbstätigen ist mit 44 Millionen so hoch wie noch nie, gleichzeitig sank im Oktober die Zahl der Arbeitslosen auf weniger als 2,4 Millionen und damit den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. In Bayern und Baden-Württemberg lässt sich angesichts von Arbeitslosenzahlen von 3 Prozent und weniger schon von Vollbeschäftigung sprechen, andere Regionen sind auf dem Weg dorthin. Die Nachfrage der Unternehmen nach Personal ist dank der guten Konjunktur ungebrochen hoch. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen lag zuletzt bei fast 800.000, der Stellenindex der Arbeitsagentur ist auf Rekordhoch.

          Diese Entwicklung hat das Kräfteverhältnis unter den Akteuren komplett verändert. „Der Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren von einem Nachfrage- in einen Anbietermarkt gewandelt“, sagt Katharina Heuer, Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Gesellschaft für Personalführung. Das bedeutet: Konnten sich die Personalchefs früher aus Stapeln von Bewerbungsmappen ihre Wunschkandidaten heraussuchen, sind es heute oftmals die Arbeitgeber, die sich bei potentiellen Angestellten bewerben müssen. Hat der Fachkräftemangel, vor dem schon seit Jahren gewarnt wird, die deutsche Wirtschaft nun fest im Griff?

          Fachkräfteengpässe in den Boom-Branchen

          Joachim Möller hat als Direktor des staatlichen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Entwicklung fest im Blick. „In der Tat ist es heute für die Unternehmen schwieriger als noch vor 15 Jahren, eine offene Stelle zu besetzen“, sagt der Ökonom. Der Eindruck, dass sich die Situation von Jahr zu Jahr verschärfe, sei aber nur teilweise richtig. Weder die Veränderung der Besetzungsdauer für offene Stellen noch die Lohnentwicklung deuteten auf einen gravierenden allgemeinen Fachkräftemangel hin. „Dass es aber Fachkräfteengpässe in den boomenden Branchen der Industrie, der Informationstechnologie, aber auch in Gesundheits-, Pflege- und Erziehungsberufen gibt, steht außer Frage“, sagt Möller. Für ihn ist klar: Die Zeiten, in denen sich die Unternehmen die Rosinen aus der Bewerberschar herauspicken konnten, sind erst einmal vorbei.

          Die von Möller erwähnte IT-Branche ist eine der am schnellsten wachsenden überhaupt. Kein Wunder, denn viele Unternehmen bringen zurzeit mit hohem Tempo die Digitalisierung ihrer Prozesse voran, und dafür braucht es genügend Spezialisten. Laut Branchenverband Bitkom gibt es derzeit rund 55.000 offene Stellen für Informatiker, das sind 8 Prozent mehr als im Vorjahr. Drei von vier Unternehmen der Branche beklagen schon heute einen Mangel an Computerspezialisten, und mehr als die Hälfte rechnet mit einer weiteren Verschärfung.

          „Das ist erst der Anfang“, warnt der Freiburger Volkswirt Lars Feld mit Blick auf künftige Entwicklungen. Feld ist einer der sogenannten Wirtschaftsweisen, die gerade ihr Jahresgutachten im Auftrag der Bundesregierung vorgelegt haben. „Angesichts des Ausscheidens der geburtenstarken Jahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre aus dem Arbeitsmarkt im nächsten Jahrzehnt dürften sich die Arbeitskräfteengpässe in den kommenden Jahren allmählich verschärfen“, heißt es darin. Schon heute verringert sich das Erwerbspersonenpotential jedes Jahr aus Altersgründen um rund 300.000. Und auch wenn eine zuletzt stark gestiegene Zuwanderung nach Deutschland und eine höhere Geburtenrate den demographischen Wandel abfedern können – stoppen können sie ihn nicht. Deshalb raten Feld und seine Kollegen dazu, dass Deutschland sich auf die Entwicklung einstellen müsse. Mit der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung werde es zunehmend wichtiger werden, das vorhandene Arbeitskräftepotential besser als bislang auszuschöpfen, lautet der Rat der Wirtschaftsweisen.

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