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Arbeitsbelastung : Stress lass nach!

Will weniger Stress und zur Bahn: Ronald Pofalla Bild: dpa

Viele Arbeitnehmer klagen über eine zu hohe Arbeitsbelastung. Die Gewerkschaften trommeln aktuell wieder einmal für neue Regeln gegen Stress. Doch sollte der Staat wirklich eingreifen?

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          Es dürfte nicht wenige Arbeitnehmer geben, die sich gerne an Jörg Asmussen ein Beispiel nehmen würden. Wird eine achtjährige Amtszeit als Mitglied des EZB-Direktoriums zu anstrengend, die Pendelei zwischen Frankfurt und Berlin zu mühsam, wartet schon ein Posten als beamteter Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium. Klingt zwar auch nicht nach Entspannung pur, aber immerhin hat der vitale Finanzprofi den Wechsel mit dem Wunsch nach einer ausgeglichenen „Work-Life-Balance“ begründet. Auch Ronald Pofalla hat angeblich der Familienplanung wegen das Kanzleramt verlassen und will sich künftig von einem geruhsamen Vorstandsposten in der Deutschen Bahn aus seinen wachsenden familiären Pflichten widmen. Ob er damit durchkommt, ist noch nicht klar. So ungeniert wollte schon lange kein Regierungsmitglied mehr die Seiten wechseln. Jedenfalls dürfte damit das Stressgefälle zwischen EZB, Bundesregierung und Deutscher Bahn klar umrissen sein. Glücklich ist der, der zwischen diesen staatlichen Arbeitgebern frei hin- und herpendeln und seinen Arbeitsplatz nach seiner Stressresistenz ausrichten kann.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Meist ist es allerdings genau umgekehrt. Vom durchschnittlichen Arbeitnehmer wurde in den vergangenen Jahren wie selbstverständlich erwartet, dass er mit den wachsenden Aufgaben einer globalisierten Arbeitswelt auch die Fähigkeit zur Stressverarbeitung weiterentwickelt. Das scheint nicht ganz so zu gelingen wie erhofft. Der im vergangenen Jahr veröffentlichte Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin spricht eine deutliche Sprache: Danach fühlt sich fast jeder Fünfte im Beruf überfordert. 43 Prozent der Arbeitnehmer klagen über wachsenden Stress. In den vergangenen 15 Jahren stieg die Anzahl der Tage, an denen Arbeitnehmer wegen psychischer Erkrankungen arbeitsunfähig waren, um mehr als 80 Prozent. Erst an diesem Dienstag hat die Techniker Krankenkasse dazu einen neuen Report veröffentlicht. Psychische Erkrankungen sind außerdem längst der wichtigste Grund für den vorzeitigen Rentenbezug.

          Doch schon an der Interpretation der Zahlen scheiden sich die Geister. Während die eine Seite Alarm schlägt, hält die andere Seite das Problem schlicht für überbewertet. Florian Holsboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, erklärt die Modediagnose „Burnout“ kurzerhand zu einem Phänomen des deutschsprachigen Raums, das anderswo kaum Verbreitung gefunden habe. Von dem steilen Anstieg in den Diagnosen könne man jedoch keineswegs auf die Zahl der Erkrankungen schließen. Zumal „Burnout“ gar keine anerkannte Krankheit ist. Dennoch habe sich die gesellschaftliche Akzeptanz des Begriffs rasch verbreitet, weil die Diagnose bequem sei. „Schließlich gibt sie auch den anderen daran schuld“, sagte er jüngst auf einer Veranstaltung.

          Das Gesetz gibt keine Klarheit

          Modeerscheinung oder ernstzunehmende Tendenz - die Entwicklung zu immer häufigeren Ausfällen wegen psychischer Erkrankungen lässt auch Arbeitgeber nicht kalt. Doch der nächste Konflikt tut sich in der Frage auf, wie das Problem gelöst werden kann. Auf Gewerkschaftsseite scheint die Sache klar zu sein: „Depressive Störungen sind ein großes Problem über alle Unternehmen hinweg“, klagt IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban. Deshalb müsse die Bundesregierung mit einer Anti-Stress-Verordnung handeln, die ihr die Gewerkschaft gleich mit an die Hand gibt. Durch zwölf Paragraphen sollen Arbeitgeber dazu gezwungen werden, eine umfassende Gefahrenanalyse zu psychischen Belastungen durchzuführen und ihre Mitarbeiter zu schulen. Außerdem sollen sie klare Vorgaben zur Gestaltung der Arbeitszeit und zur Arbeitsumgebung bekommen. „Das System des deutschen Arbeitsschutzes versagt ausgerechnet in dem Bereich, der sich am dynamischsten entwickelt: den psychischen Belastungen“, sagt Urban. Die Smartphones, die inzwischen immer häufiger von Unternehmen als Diensthandys an die Mitarbeiter verteilt werden, nennt er „kleine Terrorgeräte“. Es gebe eine „Entgrenzung der Arbeitszeit“, kritisiert er.

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