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Arbeitsalltag : E-Mails blockieren den Kopf

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Früher sind wir prima ohne E-Mails ausgekommen. Heute gehören sie zu jedermanns Alltag. Das Leben ist einfacher geworden. Produktiver wurden die Menschen leider nicht.

          5 Min.

          Die Leute bei der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton sind ein schnelles Leben gewohnt. Vielarbeiter sozusagen. Nun üben sie sich in Entschleunigung. Am Wochenende sollen sie von ihrem Blackberry lassen. Das Gerät, mit dem man telefonieren und E-Mails empfangen kann, das abwechselnd Lieblingsspielzeug und Hassobjekt der jungen Wirtschaftselite ist, soll stumm bleiben, so lautet die „Policy“, wie es im Beraterdeutsch bei Booz heißt.

          Nicht dass die Booz-Leute grundsätzlich nicht mehr erreichbar sein wollen. Aber am Wochenende muss das berufliche E-Mail-Schreiben unterlassen werden, wenn es nicht dringend notwendig ist. (lesen Sie über E-Mail-freie Freitage: Gegen den E-Mail-Wahnsinn)

          Informationsstrom unterbrechen

          Diese Entscheidung ist nicht unerheblich. „Wir waren von den Blackberrys alle abhängig“, heißt es bei Booz. Doch die psychische Belastung durch ständige E-Mail-Erreichbarkeit wurde unerträglich. Nun muss sie wieder sinken. Damit die Mitarbeiter glücklicher sind und effizienter.

          Mit dem Blackberry immer und überall erreichbar

          Booz ist keine Ausnahme in Deutschland. Ob Banken, Industriekonzerne oder Selbständige: Überall gibt es Firmen, die mit ihren Mitarbeitern nach Wegen suchen, den Informationsstrom der elektronischen Post zu verbessern oder ihn einfach ab und zu zu unterbrechen.

          Es zeigt sich die Ambivalenz des Fortschritts. E-Mail hat neben all ihren wunderbaren Errungenschaften mittlerweile auch Schaden angerichtet. Nicht nur für die gehetzte Beraterbranche gilt: E-Mails lesen und schreiben ist zur Selbstverständlichkeit geworden. Dass wir im Beruf mal ohne E-Mail ausgekommen sind, können wir uns kaum noch vorstellen. So viel Erleichterung haben sie gebracht. Kein stundenlanges Stehen am Faxgerät mehr. Stattdessen schnelle Kommunikation, auch international. Die E-Mail bestimmt unser Leben. Wir können nicht mehr ohne sie auskommen.

          200 bis 300 E-Mails pro Tag

          Was Erleichterung bringt, kann aber auch nerven. Viele Menschen, gerade im Büro, kommen mit der E-Mail-Masse nicht mehr zurecht. Auch die ständige Erreichbarkeit ist kein Luxusproblem mehr. Ein Handy mit E-Mail-Funktion wie der Blackberry ist längst nicht mehr nur der Chefetage vorbehalten. Überall und jederzeit sind wir der Flut der E-Mails ausgesetzt.

          Norbert Büning ist bei der Beratungsfirma Accenture für Human Performance zuständig. Er arbeitet daran, wie Menschen im Job möglichst gut sind, produktiv und effizient. Büning sagt: „Der eigentliche Effekt, durch E-Mail schnellere Entscheidungen zu fördern, ist weg.“ Zumal manche Führungskraft am Tag 200 oder gar 300 E-Mails bekommt. Effizientes Arbeiten ist da unmöglich.

          Als ob es nie etwas anderes gegeben hätte

          Dabei hatte die E-Mail-Technik anfangs noch einen eher langsamen Aufstieg. Klar, es gab in den achtziger Jahren schon die ersten E-Mails. Aber das war noch eine Sache für Computerfreaks. In Amerika wurden die E-Mail-Nutzer dann schnell mehr. Hierzulande hat sich E-Mail erst Ende der neunziger Jahre durchgesetzt. Viele glaubten damals noch nicht daran und schrieben weiter per Brief und Telefax. Heute nutzen die meisten Deutschen E-Mails mit einer Selbstverständlichkeit, als ob es nie etwas anderes gegeben hätte.

          Kein Wunder: Es war ja auch plötzlich schick, sich bei AOL, T-Online und all den anderen Internetanbietern anzumelden. Sie versorgten uns mit hübschen E-Mail-Adressen. Und auf unseren Visitenkarten prangte plötzlich der Klammeraffe.

          Gelassenheit lernen

          E-Mail ist ja auch eine feine Sache: Man kann per E-Mail Kinokarten bestellen und Flugtickets ordern. Schnell getippt, fix verschickt. Keine Ländergrenzen stören, Zeitzonen sind auch egal. Und man kann sogar Fotos und andere Dateien anhängen. Im Büro quillt aus dem Fax kaum noch Papier. Die Post kommt ins elektronische Postfach. Unsere besten Freunde am Rechner heißen Outlook oder Notes. Sie sortieren den täglichen Informationsstrom.

          Leider mussten wir auch schnell lernen, was Spam ist, und übten uns - zwangsläufig - in Gelassenheit, wenn uns Werbung für Potenzmittel per E-Mail erreichte. Seither füttern wir unseren Spam-Ordner.

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