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Arbeitgeber bewerten : Die Macht der Portale

  • -Aktualisiert am

Wie sieht der Tag bei einem bestimmten Arbeitgeber konkret aus? Bewertungsportale versuchen Antworten zu finden. Bild: dpa

Arbeitgeber im Internet zu bewerten ist in Mode. Beschäftigte plaudern in Foren aus dem Nähkästchen, geben zum Teil sogar ihre Gehälter preis. Aber wem hilft das eigentlich?

          3 Min.

          Wer auf der Suche nach einem Urlaubsdomizil ist, kann sich im Internet über die Erfahrungen vorheriger Gäste schlaumachen. Wer krank ist und einen fachkundigen Arzt sucht, kann digital Bewertungen einsehen. Viele andere Märkte glänzen mittlerweile durch Transparenz. Gilt das auch für Jobsuchende?

          Arbeitgeber zu bewerten ist hierzulande seit rund zwölf Jahren online möglich. Seitdem gibt es Kununu, Jobvoting, Glassdoor und Co. Kununu ist im deutschsprachigen Gebiet mit 3,8 Millionen Bewertungen zu 926 000 Unternehmen über Betriebsklima, Gehalt und Bewerbungsprozesse Marktführer. Daimler zum Beispiel hat derzeit knapp 4000 Bewertungen erhalten, überwiegend von Mitarbeitern. Mit 324 haben sich vergleichsweise wenige Bewerber geäußert. Die Weiterempfehlungsquote der Mitarbeiter liegt bei 82 Prozent. Zum Vergleich: Glassdoor kommt auf 1500 Einträge zu Daimler, kommt auf eine Weiterempfehlungsquote von 88 Prozent. Jobvoting kommt auf 25 Bewertungen zum Dax-Konzern. Fragt sich nur, ob das jeweilige Unternehmensergebnis bloß ein sehr subjektiver Mix an Meinungen ist – und ob nicht sogar Fälschungen im Spiel sind. Motto: Die Nörgler dominieren.

          Moritz Kothe ist Chef von Kununu, er sagt: „Algorithmen prüfen die Zuverlässigkeit der eingeschickten Beiträge, 60 Prozent des Contents gehen sofort live.“ Der Rest gehe in die manuelle Prüfung, teilweise würden dann Nachfragen gestellt. „Jeder zweite Jobsuchende nutzt uns, unabhängig vom Alter, von der Jobposition, der Branche oder Region“, sagt Kothe. Seiner Prognose zufolge soll in drei Jahren jeder Jobsuchende Kununu nutzen.

          Auswirkungen auf die Bewerbungen

          Wie ein Arbeitgeber beurteilt wird, hat Auswirkungen auf die Bewerbungen. Laut einer Studie des Bitkom – des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien – werden mehr als 80 Prozent der wechselwilligen Interessenten durch die Berichte und Noten in ihrer Entscheidung beeinflusst. Andere Studien haben diesen Effekt ebenfalls thematisiert. Tim Weitzel, Professor für Wirtschaftsinformatik in Bamberg, dessen Institut jährlich Studien zum Thema Recruiting veröffentlicht, sagt: „Mehr als ein Drittel der Kandidaten hat sich aufgrund schlechter Arbeitgeberbewertungen im Internet wie etwa auf Kununu schon einmal nicht auf eine offene Stelle beworben.“ Mehr als ein Viertel der Kandidaten habe aus diesem Grund schon mal ein Jobangebot abgelehnt. Einer Studie von Softgarden zufolge, eines Anbieters von Recruiting-Software, liegt dieser Wert bei rund 53 Prozent.

          Bekommen Bewerber und Jobsuchende aber ein wirklich rundes Bild von den Unternehmen? Tim Weitzel sagt: „Heutzutage glaubt keiner mehr den Inhalten in den Hochglanzbroschüren, Authentizität ist gefragt. Und die bekommt man zunehmend durch die Dichte an glaubwürdigen Einträgen auf Plattformen inklusive der Entgegnungen von den Firmen.“ Drei von vier Kandidaten glaubten, dass ein Unternehmen, das auch mal kritisch über sich spricht, authentischer ist.

          Norbert Huchler, Arbeitsforscher am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung München, sieht die Möglichkeit, dass die Portale nach und nach Veränderungen in der Arbeitswelt anstoßen. „Die Außendarstellung und der Fachkräftemangel können dazu führen, dass über Bewertungsportale Veränderungsdruck auch in die Unternehmen hineingetragen wird, etwa bezüglich der Arbeitsgestaltung und der Beschäftigungsbedingungen.“

          Immer mehr Unternehmen gehen auf Bewertungen ein

          Kununu versucht nun seit wenigen Wochen das Bild runder zu machen. „Unser Anspruch ist es, nicht nur ein Stimmungsbild des Unternehmens abzugeben, sondern Firmen stärker qualitativ zu vermessen“, sagt Moritz Kothe. Ein sogenannter Kulturkompass für vier Kategorien soll dabei helfen: Work-Life-Balance, Zusammenarbeit, Führung und strategische Ausrichtung. Mehr als 102. 000 Datenpunkte zu rund 40 .000 Unternehmen würden dazu Ergebnisse liefern. Zudem will Kununu für mehr Gehaltstransparenz sorgen und stellt seit Anfang Dezember aktuelle Gehaltsangaben vor, die von Nutzern generiert werden.

          Von Projektmanagern der Daimler AG etwa. Bislang haben 40 Mitarbeiter mit dieser Berufsbezeichnung ihr Gehalt angegeben. Die Bandbreite der gesamten Branche liegt zwischen 36 .700 und 92 .000 Euro, Daimler liegt mit 71 .400 Euro etwas über dem Durchschnitt. „Wir liefern damit vor allem einen Beitrag für Jobsuchende und Mitarbeiter von Firmen, die keinem Tarifvertrag oder gewerkschaftlicher Mitbestimmung unterliegen“, sagt Kothe.

          Generell nehme die Bereitschaft der Unternehmen stark zu, auf Nutzerbewertungen einzugehen und sich möglichst authentisch darzustellen, so Kothe. Als Beispiel nennt er die Immowelt-Gruppe. Der Plattformbetreiber für die Immobilienwirtschaft befindet sich derzeit in einem Veränderungsprozess. Das macht das Unternehmen auf Kununu frank und frei deutlich. „Wir analysieren unsere Prozesse und Arbeitsweisen, probieren Neues, setzen auf Bewährtes und werfen über Bord, was nicht mehr funktioniert. Dass damit auch unpopuläre Entscheidungen einhergehen, die nicht bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut ankommen, ist verständlich und zurzeit auf Kununu gut sichtbar“, heißt es da unter anderem.

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