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Arbeiten im Ausland : Bibi Blocksberg gegen das Heimweh

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Wie leicht sich Kinder für einen Auslandsaufenthalt erwärmen lassen, ist oft altersabhängig. Nach Kirsten Nazarkiewiczs Beobachtung gelingt es leichter, jüngere Kinder für das Abenteuer Fremde zu begeistern. „Man kann etwa mit kleinen landestypischen Geschenken, die man vom Look-and-See-Trip mitgebracht hat, und mit kindgerechten Einblicken in die Landeskultur Neugier wecken.“ Vor Ort finden die Kleinen in der Regel schnell und intuitiv Anschluss, auch wenn sie die Sprache noch nicht sprechen.

Das deutsche Kochbuch muss mit

„Die Kunst besteht darin, in der Honeymoon-Phase, also in den ersten hundert Tagen, eine gute Vernetzung in der Zielkultur hinzubekommen und gleichzeitig mit der Heimatkultur Kontakt zu halten“, erklärt Kirsten Nazarkiewicz. Also zum Beispiel Kindersendungen aufzeichnen und gemeinsam ansehen. In der neuen Wohnung eine deutsche Ecke einrichten, mit allen Dingen, die die Kinder besonders mögen. Sich ein deutsches Kochbuch einpacken.

„Ich finde Ägypten blöd.“ Wenn der Nachwuchs plötzlich mit solchen Sätzen aufwartet, schrillen bei den Eltern die Alarmglocken. Sie wissen nicht, wie sie mit diesen Aussagen umgehen sollen. Einfach ignorieren oder vorsichtshalber ein Rückflugticket in die Heimat kaufen? Kirsten Nazarkiewicz beruhigt: „Hier gilt es herauszufinden, welche Erfahrungen das Kind gerade gemacht hat. Denn oft bekommt etwas ein kulturelles Ticket, was eigentlich gar nichts mit dem Land als solches zu tun hat.“ Etwa, weil die Kinder etwas vermissen, was es in ihrer neuen Umgebung nicht gibt. Zum Beispiel die Kindergartenfreunde oder den Bolzplatz hinterm Haus. „Und dann sagen sie: Ich finde Ägypten blöd.“

Wenn das Umherziehen zum Dauerzustand wird

Besonders für Teenager ist es wichtig, den Kontakt nach Hause zu halten. Älteren Kinder fällt der Abschied schwerer, sie lassen Freunde zurück und fürchten, den Anschluss zu verpassen. „Wenn die nach drei Jahren zurückkommen, herrscht in ihrem Freundeskreis ein ganz anderer Slang“, sagt Gesa Krämer. „Wenn sie diesen Slang nicht draufhaben, ist ihre Zugehörigkeit in der Gruppe gefährdet und sie stehen außen vor. Das ist natürlich in der Pubertät schwierig.“

Was, wenn es die berufliche Situation der Eltern bedingt, dass das Umherziehen für die Kinder zum Dauerzustand wird? Angela Ittel von der Technischen Universität Berlin erforscht sogenannte „Third Culture Kids“. Sie fühlen sich weder der Kultur ihrer Eltern noch der ihres aktuellen Aufenthaltsortes zugehörig , entwickeln deshalb eine eigene, dritte Heimatkultur und kommen mit diesen Lebensumständen gut oder weniger gut zurecht. „Einige kämpfen sehr mit Heimat- und Identitätslosigkeit, andere dagegen meistern höchst erfolgreich ihr Leben“, umreißt die Professorin für Pädagogische Psychologie die Bandbreite.

Erste Aufschlüsse gibt eine Pilotstudie, die sie mit Zwölf- bis Neunzehnjährigen Third Culture Kids an internationalen Schulen in Berlin und Brandenburg durchgeführt hat: „Wir waren zum Beispiel davon ausgegangen, dass den Kindern die kulturelle Anpassung an eine neue Umgebung leichtfällt, wenn auch die Bindung an die Familie stark ist“, sagt die Professorin. Die Befragungen zeigen jedoch ein anderes Bild. Demnach ist es so, dass Kindern, die ein hohes Selbstwertgefühl haben, die Anpassung leichter gelingt als weniger selbstbewussten Kindern. Das heißt: Bei älteren Kindern können die Eltern den Anpassungsprozess zwar nicht mehr direkt steuern, aber sie können das Selbstwertgefühl ihrer Sprösslinge stärken, indem sie ihnen etwas zutrauen und sie eigene Entscheidungen treffen lassen.

Familie Pantleon ist mittlerweile wieder zurück in Deutschland. Was seine Töchter durch ihren Auslandsaufenthalt in Indien gewonnen haben? „Mehr Offenheit, eine weitere Sicht auf die Welt“, fasst Thomas Pantleon zusammen. „Sie können sich wirklich vorstellen, was Asien bedeutet, haben andere Bräuche und Wertvorstellungen kennengelernt und sind sich bewusst, dass unser Lebensstil hier, die Freiheit, die wir haben, nicht selbstverständlich ist.“ Angst vor dem Englischsprechen hat Patricia längst nicht mehr.

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