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Arbeiten im Ausland : Aus den Augen, aus dem Sinn

  • -Aktualisiert am

Die Rückkehr kann grausam sein Bild: sumnersgraphicsinc

Wenn Unternehmen Mitarbeiter ins Ausland schicken, läuft einiges schief. Die Entsandten geraten schnell in Vergessenheit. Und wieder in Deutschland lassen sie sich schwer integrieren.

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          Ab ins Ausland, weit weg von zu Hause, das wollte Uwe Kirschner schon immer. Gelandet ist er vor knapp einem Jahr in Santiago de Chile, zusammen mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern. Kirschner ist dort Geschäftsführer von Bosch. Er mag die Atmosphäre der südamerikanischen Metropole, auch wenn er seine Gewohnheiten ändern musste. Shoppen und Flanieren wie in Stuttgart gehören nicht zum chilenischen Gemüt. Auch dass seine chilenischen Kollegen spontane Zusammenkünfte wochenlang geplanten Meetings vorziehen, musste der Deutsche erst lernen. Kirschner ist einer von 2700 Mitarbeitern, die im vergangenen Jahr für Bosch im Ausland tätig waren. Nach ihrer Rückkehr sollen die Entsandten ihre neuen Erfahrungen im schwäbischen Hauptquartier einbringen.

          Mit diesem Anspruch entsenden zahlreiche Unternehmen ihre Mitarbeiter in ferne Länder. Doch nicht immer läuft alles glatt. Laut einer neuen Studie der Unternehmensberatung Deloitte haben deutsche Firmen noch immer viele Probleme, wenn es um den internationalen Einsatz von Mitarbeitern geht. Ein Drittel der befragten Firmen beklagen einen Mangel an qualifizierten Kandidaten. Doch nicht nur das. Wer sich bereit erklärt, mit Kind und Kegel ins Ausland zu ziehen, wird von den Unternehmen häufig grundlos verheizt. Die Zahlen der Studie ernüchtern: Ein Drittel der Heimkehrer verlässt noch im ersten Jahr nach der Wiederankunft in Deutschland frustriert den Arbeitgeber, weil vernünftige Anschlusspositionen fehlen. „Das ist ein erschreckendes Ergebnis“, sagt Udo Bohdal von der „Human Capital Advisory“ von Deloitte.

          Einst uninteressant: Interkulturelle Kompetenz, Integration

          Es mangele an vielem, erzählt Helga Bailey, Leiterin von „Start up Services“. Der Münchner Dienstleister berät seit den achtziger Jahren Unternehmen, die Mitarbeiter in alle Welt entsenden. Damals war ihre Kundschaft ausnahmslos amerikanisch. Die Deutschen sahen Intermezzi im Ausland meist pragmatisch entgegen. Die Vorbereitung erledigte die Sekretärin des Personalchefs nebenbei. Es lag an ihr, sich über die aktuellen Steuer- und Sozialversicherungsbestimmungen im Gastland zu informieren. Von interkultureller Kompetenz, Integration und der Familienproblematik wollte niemand etwas wissen. Ob der Partner arbeiten will, welcher Kindergarten passt, welche kulturellen Eigenarten lauern – all das sind Fragen, die gerade mittelständische Unternehmen noch immer unbeantwortet lassen, sagt Bailey. Getreu dem Motto: „Es wird sich fügen.“ Dabei trüben oft schon banale Dinge die Laune. Bailey musste kürzlich einem südafrikanischen Pärchen, das von Singapur nach Deutschland kommt, traurige Kunde überbringen. Wegen der hohen Einfuhrkosten mussten die beiden ihre Sammlung erlesener Weine in Asien zurücklassen.

          Die Vorbereitung der sogenannten Expats gilt unter Fachleuten als besonders wichtig. Und trotzdem schneiden viele Unternehmen in dieser Hinsicht miserabel ab. „Sie schauen oft nur auf die Qualifikation des Mitarbeiters, nicht aber auf sein Umfeld“, sagt Bailey. Häufig unterschätzt wird die Rolle des Partners, der seinen Job aufgibt und im Ausland so schnell nichts Passendes findet. Auch Familie Kirschner musste darüber diskutieren. Für die Frau, in Deutschland noch als Spanischlehrerin in Lohn und Brot, gab es in Chile keine angemessene Stelle. Doch in diesem Fall sorgte der Arbeitgeber vor. Bosch zahlt Kirschners Gattin eine Weiterbildungspauschale. Mit dem neuen Unterrichtsmaterial für Baden-Württemberg hält sie sich nun auf dem Laufenden.

          Neues Leben gewöhnungsbedürftig

          Das neue Leben in Südamerika ist für die Kirschners häufig noch gewöhnungsbedürftig. Eine Erfahrung, die nahezu jeder Entsandte macht. Deshalb sei die Schulung interkultureller Kompetenz so wichtig, sagt Brigitte Hild, Geschäftsführerin des Internetportals Going Global, das Expats und deren Angehörige online berät. Ein Manager, der entsandt wird, um etwa im Tochterunternehmen in Japan die Führungsebene zu schulen, muss schnell lernen, einen patriarchalen Ton anzuschlagen. Doch selbst was den Deutschen auf den ersten Blick kulturell artverwandt erscheint, birgt bisweilen die ärgsten Fallstricke.

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