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Arbeiten an Sehnsuchtsorten : Mit dem Burgführer in der Lutherstube

  • -Aktualisiert am

Die Wartburg vom Aussichtspunkt „Marienblick“. Bild: dpa

Luther-Schreibtisch und 850 Jahre alte Säulen: Nino Dell zeigt Touristen die Wartburg. Trotz aller Idylle hätte er lieber eine ganz andere Karriere gemacht.

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          Wir müssten nur ein wenig warten, dann komme die Frage ganz sicher, sagt Nino Dell. Er meint die Frage nach dem Tintenfleck an der Wand und Martin Luthers Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel, der ihn beim Übersetzen der Bibel behelligte. Aber in der Lutherstube, dem bekanntesten Raum auf der Wartburg, bleibt es ruhig. Ein paar Besucher kommen rein, schauen sich um, staunen. Keiner fragt nach dem Fleck. Dell schmunzelt. Kaum einer kennt die Wartburg so gut wie er, aber das heißt ja nicht, dass immer das passiert, was er erwartet.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So wie eben auch im Rittersaal, keine Viertelstunde zuvor: Da zeigt er auf eine spätromanische Mittelsäule, 850 Jahre alt, reich verziert – und nach seinen Berichten hin und wieder zum Klettern missbraucht von übermütigen, meist jungen Besuchern. „Warten wir doch mal die nächste Gruppe ab“, sagt er. Sie kommt kurze Zeit später, schließlich ist die Wartburg ein Wahrzeichen Deutschlands, Weltkulturerbe der Unesco, hier ist reger Betrieb. Aber auch diese Tagesgäste verhalten sich tadellos, alle gucken nur, keiner klettert.

          „Ein besonderer Ort“

          Nino Dell findet’s gut so, er kann auf Demonstrationen touristischen Übermuts verzichten. Denn er, der Burgführer, macht hier nicht nur seine Arbeit. Es sei „ein besonderer Ort“, sagt er und schwärmt an diesem heißen Sommertag von der Wartburg, als sei sie ein guter Freund. Und der hat Respekt verdient. Die idyllische Lage hoch über Eisenach, der Fernblick in den Thüringer Wald, der Hauch der Geschichte in jedem Winkel der Burg – all das begeistert ihn nach Jahren des Erklärens immer noch. Es sei ein geradezu magisches Fleckchen. Ganz angenehm außerdem, jedenfalls im Sommer, dass es hier oben immer zwei Grad kühler ist als unten in der Stadt. Schließlich liegt die Wartburg 430 Meter hoch.

          Wenn er morgens zwischen halb neun und neun auf die Burg komme, sei es besonders friedlich, sagt er. Diese Zeit würde er auch für einen Besuch empfehlen. Manchmal habe man die Burg dann für sich und sei „Einzelgast“.

          Der Thüringer Nino Dell, 40 Jahre alt, ist wenige hundert Meter Luftlinie entfernt aufgewachsen. Krauthausen, sein Heimatort, wäre von der Wartburg aus gut zu sehen – stünde nicht einer der vielen Hügel des Thüringer Waldes direkt davor. Wenn er heute aus Eisenach zur Arbeit aufbricht, hört er schon die Esel aus der nahen Station. Sie bringen später Touristen auf die Burg. Er selbst nimmt meistens das Auto.

          Nino Dell, Leiter der Abteilung Burgführung auf der Wartburg.

          Abruptes Ende von der Karriere als Leichtathlet

          Dass er überhaupt hier oben arbeitet, ist Zufall oder, pathetischer formuliert, Schicksal. Nino Dell war ein sehr talentierter Leichtathlet, Langläufer, aber als im Training sein Herz aufhörte zu schlagen, nahm er einen anderen Weg. Es passierte auf dem Sportplatz, „zum Glück“, wie er sagt. Wäre er im Wald kollabiert, wo er auch oft trainiert hat, wer weiß, wie das Ganze ausgegangen wäre. Er sei „einfach liegen geblieben“, sagt er, danach war er etwa dreißig Sekunden weggetreten. Die Ärzte rieten zur Operation am Herzen, und da war es aus mit der erträumten sportlichen Karriere. Denn das kam für ihn nicht in Frage.

          Bis zum abrupten Ende seiner leichtathletischen Ambitionen damals im Jahr 2005 hatte er ordentlich – und auch recht erfolgreich – in die Sportkarriere investiert: Der Vater war sein Trainer, die ganze Familie sportverrückt, siebenmal in der Woche trainierte er. Hinzu kamen die ganzen Wettkämpfe, Meisterschaften, Reisen durchs Land. Jedes Wochenende war er unterwegs. Zweimal wurde Nino Dell deutscher Meister im Berglauf, aber zu seinen größten Erfolgen zählt er auch einen Sieg gegen einen großen Thüringer Rivalen in einem weniger wichtigen Rennen: Es war bei einem Crosslauf, als er Nils Schumann hinter sich ließ, Jahrgang 1978 wie er, dann und wann Trainingspartner – und im Jahr 2000 in Sydney Olympiasieger über 800 Meter. Auf diesem Leistungsniveau sei Sport nicht immer ein Vergnügen, sagt er, aber ihm habe die Schinderei gefallen. Eine Ausbildung zum Industriekaufmann hat er zwar absolviert, aber sein Leben war auf den Sport ausgerichtet. „Ich habe von jetzt auf gleich aufgehört“, sagt er.

          Arbeit an einem zentralen Ort der Geschichte

          Zur Wartburg kam er über Freunde. Früher hätte er sich das nicht vorstellen können. Die Wartburg war für jemanden mit seiner Herkunft zwar immer präsent, aber hier arbeiten? Das war kein Thema. Dann hörte er, dass Burgführer gesucht werden, und heute sagt er: „Ich kann mir keinen besseren Ort vorstellen.“ Über seine Anfänge erzählt er im sogenannten Kommandantengarten, einem lauschigen und schattigen Kleinod an der Burgmauer. Schon der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach habe diesen Rückzugsort im 19. Jahrhundert gerne genutzt. Womit wir bei Nino Dells neuer Passion nach dem Sport wären.

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