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Arbeiten an Sehnsuchtsorten : Mit dem Burgführer in der Lutherstube

  • -Aktualisiert am
Außenaufnahme von der Wartburg.

Geschichte hat ihn zwar schon immer interessiert, aber in diesem Punkt ist die Luft hier oben sehr dünn. Zumal für ihn, den Leiter der Abteilung Burgführung mit ihren zehn Festangestellten und zwanzig Aushilfen in der Hauptsaison, alle zusammen beschäftigt bei der Wartburg-Stiftung. „Wir bewegen uns historisch auf einem ziemlich hohen Niveau, und das ohne Studium“, sagt er über seine Arbeit an einem zentralen Ort der deutschen Geschichte – ob es nun um den Luther-Aufenthalt hier oben inklusive Bibelübersetzung geht, um die später seliggesprochene Elisabeth von Thüringen oder die Wartburgfeste deutscher Studenten. Wer hier bestehen will, muss geschichtlich sattelfest sein. Denn dass sich Besucher bei ihrem Burgführer nicht nur informieren wollen, sondern sich mitunter mit ihm messen wollen, kommt vor.

Nino Dell nimmt’s gelassen. Er fühlt sich dank Eigeninteresse und regelmäßiger Weiterbildungen sicher. Die dienten auch dem Selbstschutz. „Übertrumpfen geht nicht“, sagt er über jene Gäste, die hierherkämen, um ihr historisches Wissen und ihre Standpunkte bestätigt zu bekommen, und dabei gerne mal ins Duell gehen. Mit anderen Worten: Ihm kann keiner etwas vormachen. „Die beißen auf Granit“, sagt er über die harten Fälle.

Demut bei Führungen

Besonders bei Sonderausstellungen, wenn teilweise Professoren mit ihren Studenten anreisten, seien die Anforderungen hoch. Aber wenn ihm einer die Grenzen aufzeigt, dann er selbst. Anfangs, als er die ersten Gruppen führte, klammerte er sich an die auswendig gelernten Texte, die an Anfänger ausgegeben wurden. Erst später, als mehr Erfahrung und Wissen über die Wartburg und ihre Geschichte hinzukamen, variierte er sie. Die Texthilfe von damals könnte er heute schon gar nicht mehr zitieren, er hat seinen eigenen Stil gefunden – und sagt trotzdem: „Je mehr man weiß, desto ruhiger und demütiger wird man.“ Denn diese Burg aus dem 11. Jahrhundert hat so viel erlebt, dass auch für den erfahrensten Führer gilt: „Man kann nicht alles wissen.“ Dass diese Demut nicht in Unsicherheit oder Zurückhaltung umschlägt, ist bei Nino Dell garantiert. Er sei schließlich schon in der Schule der „Klassenkasper“ gewesen. Auftritte vor größerem Publikum liegen ihm.

Postkarte von der Wartburg

1500 bis 2000 Menschen kommen täglich auf die Wartburg, mal abgesehen von den Ferien ist an hohen christlichen Feiertagen besonders viel los. Etwa alle zehn Minuten startet eine Führung, alle ohne Audioguide und in einem halben Dutzend Sprachen. Das Team der Führer gibt das her. Überfüllt wirke die Burg dabei nie. Das alles mache die Atmosphäre so besonders.

Seit 150 Jahren gibt es Führungen in der Wartburg

Auf die Wartburg reagiere das Publikum unterschiedlich. Nino Dell formuliert es so: „Für die Eisenacher ist sie immer da, für die Deutschen ist sie sehr bekannt, und für die meisten internationalen Gäste ist sie ganz toll.“ Je größer die Entfernung zur Heimat, desto größer auch die Begeisterung. Es gebe asiatische Besucher, die blieben an manchen Stationen der Führung wie angewurzelt stehen, sagt Dell, unfähig, weiterzugehen vor lauter Ergriffenheit. Für die sei Luther eine Art Prophet. Auch viele Amerikaner seien so enthusiastisch, geradezu übersteigert fasziniert, wie man es von deutschen Gästen nicht kennt. In die spartanische Lutherstube mit dem großen Holzschreibtisch wollten ohnehin alle Besucher. Aus gutem Grund: „Ohne Luther würden sich heute Archäologen um die Wartburg kümmern“, sagt er. Sie wäre vielleicht ein verfallener Ausgrabungsort, nicht aber ein strahlendes Symbol deutscher Geschichte. Und schon gar kein Magnet für Touristen.

Seit rund 150 Jahren gibt es hier Führungen, und zumindest in den vergangenen Jahren hat sich die Haltung dem Ort und seinen Exponaten gegenüber offenbar verändert. Vor den Kunstgegenständen, die es in den zahlreichen Räumen und Sälen zuhauf gibt, habe es früher keine Absperrungen gegeben. Damals hätten die Leute mehrheitlich gedacht: „Dies ist eine Truhe, die ist sehr alt, da lasse ich besser die Hände weg.“ Zu diesem Schluss komme heute nicht mehr jeder. Dell sagt das mit großer Gelassenheit: „Es gibt Tage, die erschüttern. Aber am Ende steht immer ein Lächeln.“

In der nächsten Folge: Mit dem Ranger in der Eifel

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