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Ständiger Optimierungszwang : Aus Prinzip erfolgreich

Alles muss machbar sein

Die unscheinbaren Erfolge zählen in diesem gesellschaftlichen Klima nicht viel. Gibt es sie überhaupt? Und: Was sind sie wert? Wer diese Fragen stellt, ist schon auf der Suche nach einem Gegenentwurf zu der marktschreierischen Welt, in der die Heiseren nicht so gut abschneiden. Es gibt die anderen Erfolge durchaus, sagt der Psychotherapeut Heinrich Deserno. Jene, die nicht jeder sieht oder unbedingt sehen muss, die aber im Rückblick auf das eigene Leben vielleicht sogar die wichtigeren sind. „Ich sehe oft Menschen, die aufgrund ihrer Ausgangssituation eigentlich scheitern müssen. Wenn sie es nicht tun, dann ist das ein großer Erfolg.“ Viele Menschen trügen enorme Hypotheken mit sich herum und bestünden das Leben doch gut - unsichtbar und doch erfolgreich. „Wenn zum Beispiel Kinder psychisch kranker Eltern dem Schicksal ihrer Eltern entrinnen, ist das ein riesiger Erfolg.“ Für ihn selbst zähle es jedenfalls viel, jemanden aus der Gefahrenzone solcher Belastungen herausgebracht zu haben.

Der Therapeut hat eben einen anderen Blick auf das Leben. Verletzlich sei es, unwägbar. Schwierig genug, es überhaupt zu meistern. „Wir sehen diese unspektakulären Erfolge“, sagt Deserno und zitiert dabei Sigmund Freud, „wenn Menschen vor dem ,neurotischen Elend‘ bewahrt werden können und akzeptieren lernen, mit dem ,allgemeinen Unglück‘ auszukommen.“ Dies sei lebenswichtig und habe doch keine gute Presse, schon gar keinen „Glamour-Faktor“. Der Machbarkeitswahn hat die Bewältigung der Unwägbarkeiten des Lebens zur Selbstverständlichkeit degradiert. Der Therapeutenblick mag tröstlich sein und nachdenklich stimmen. Zurzeit hat er jedoch kaum Konjunktur. „Wenn man auf das Leben zurückblickt, verändert sich die Perspektive“, sagt Deserno. „Erfolg hängt dann auch davon ab, was über die Jahrzehnte in unseren Beziehungen zu anderen Menschen passiert ist.“ Spektakuläre Erfolge taugen wenig für so ein Resümee, weil sie von gestern sind und längst einer da ist, der sie übertrifft. Die unscheinbaren Erfolge bekommen dann mehr Gewicht. Aber wer will davon heute schon etwas wissen?

Ist es gesellschaftlich zu spät für diese Art der Rückbesinnung? Man muss es fast befürchten. Denn auch im letzten Drittel des Lebens muss alles passen. „Erfolgreich altern“ - die ersten Bücher mit diesem Titel sind auch schon verfasst. Wer das Berufsleben halbwegs erfolgreich gemeistert, seine Kinder irgendwie zur Überlebensfähigkeit gebracht und seine Ehe über drei Jahrzehnte gerettet hat, bekommt kaum eine Chance, zufrieden zurückzublicken. Er muss sich mit dem Altern auseinandersetzen und versuchen, auch jetzt noch der gesellschaftlichen Norm zu entsprechen. Kognitiv in Bestform, gesundheitlich fit, psychisch stabil, sexuell aktiv und - nicht zu vergessen - ansehnlich jugendhaft. „Wie wird das weitergehen?“, fragt Deserno. „Mit dem erfolgreichen Sterben?“

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