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Antidiskriminierung : Frankreich testet den anonymen Lebenslauf

Name, Geschlecht, Adresse: All das soll in den anonymen Lebensläufen weggelassen werden Bild: dpa

Gleichstellungsexperten haben festgestellt, dass Bewerber auf eine freie Stelle oft schon bei der Vorauswahl scheitern, weil den Unternehmen Name, Adresse oder Geschlecht suspekt sind. Deshalb experimentiert Frankreich nun in sechs Départements mit anonymisierten Bewerbungsunterlagen.

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          Wenn die Absage kommt, liegt das manchmal weniger an der Qualifikation, sondern an ganz banalen Gründen: Gleichstellungsexperten haben festgestellt, dass Bewerber auf eine freie Stelle oft schon bei der Vorauswahl scheitern, weil den Unternehmen der Name, die Adresse oder das Geschlecht suspekt sind. Die Lösung für dieses Problem könnten anonymisierte Lebensläufe sein, die derzeit in Frankreich auf großes Interesse stoßen. Die französische Regierung will das System nun in sechs Départements und in Paris testen. Rund hundert Unternehmen hätten sich schon zur Einführung bereit erklärt, berichtet der französische Gleichstellungsbeauftragte Yazid Sabeg. Das Arbeitsamt sowie die Personalfirmen Adecco, Adia und Manpower stehen beratend zur Seite.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die Idee dazu kam schon nach den Unruhen in den französischen Vorstädten im Jahr 2005 auf. Im darauffolgenden Jahr erließ die französische Regierung ein Gesetz, das sie aber nie umsetzte. Jetzt lässt sie erst einmal experimentieren: Wie können sich Angehörige von häufig diskriminierten Gruppen bei Unternehmen bewerben, ohne ihre Identität preiszugeben?

          Eine Handvoll französischer Unternehmen wie L‘Oréal, Accor, Axa, Sncema und PSA Peugeot Citroën ermöglichen Bewerbern schon jetzt, sich in einem ersten Schritt anonym zu bewerben. Beim Versicherer Axa betrifft dies zum Beispiel jene 700 bis 800 Personen, die in Frankreich jährlich Versicherungsmakler werden wollen und sich per Internet vorstellen. Automatisch werden dann Name, Vorname, Alter, Adresse, Geschlecht und auch Photos aus der Bewerbung vom Computer entfernt. „So trifft die Personalabteilung erst einmal eine neutrale Vorauswahl. Die Anonymität wird natürlich aufgehoben, wenn Axa später den Bewerber näher kennenlernen will“, sagt ein Sprecher des Unternehmens.

          Zur Zwischenbilanz ist es nie gekommen

          Schon bis Ende 2007 wollte die Regierung eigentlich eine Zwischenbilanz der ersten Erfahrungen vorlegen. Doch dazu ist es nie gekommen. Die Arbeitgeber wehrten sich gegen einen allgemeinen Zwang, und auch die Gewerkschaften folgten dem Thema nur halbherzig. Den Erfolg zu messen ist schwierig, weil es in Frankreich gesetzlich verboten ist, Daten in Zusammenhang mit der Herkunft von Personen zu erheben.

          Eine französische Vereinigung zur Förderung der Chancengleichheit hat eine Umfrage unter Personalvermittlern vorgenommen: Die Hälfte hielt den anonymen Lebenslauf für sinnvoll, die andere Hälfte nicht. „Der anonyme Lebenslauf ist kein Wundermittel, er kann lediglich eines der vielen Hindernisse beseitigen. Doch die Unternehmen müssen auf mehreren Ebenen an dem Thema arbeiten“, sagt der Personalberater Olivier Théophile.

          Axa beispielsweise hat in seine Weiterbildungskurse für Manager auch Lernblöcke über Gleichstellungsfragen eingebaut. Denn auch eine neutrale Vorauswahl garantiert nicht, dass Bewerber nach den Vorstellungsgesprächen vor Diskriminierung geschützt sind. Bei Axa setzten heute 20 Prozent der Bewerber auf die Stellen der Versicherungsmakler auf den anonymen Lebenslauf. Das Unternehmen will die Möglichkeit jetzt auf Posten in der Verwaltung ausweiten. Vor allem die Zahl der eingestellten Frauen habe sich erhöht, seit Axa sich aktiver um mehr Gleichberechtigung bemüht, sagt der Sprecher.

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