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Anonymisierte Bewerbungen : Zeigt her eure Nasen!

  • -Aktualisiert am

Diskriminierende Fotos - sollten Unternehmen darauf verzichten? Bild: Gregor Schlaeger / VISUM

Bewerbungsfotos diskriminieren. Deshalb sollten sie verschwinden, meint Siemens. Das klingt lobenswert, ist aber purer Populismus.

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          Zu jeder guten Bewerbung gehört ein Foto - das ist in Deutschland immer noch Standard. Doch das muss nicht mehr lange so bleiben, zumindest, wenn es nach Siemens-Personalvorstand Janina Kugel geht. Es gebe das Risiko, dass Personalentscheider auf Basis solcher Bilder beeinflusst würden und dadurch nicht die richtige Entscheidung träfen, sagte sie kürzlich. Das Problem: Unbewusste Denkmuster und Vorurteile verhindern nach ihrer Meinung ein objektives Urteil. Siemens diskutiert daher intern, Bewerbungsfotos zu verbannen.

          Dieser Ansatz ist aus mehreren Gründen problematisch. Sicher, das Foto als solches zeigt viel von einem Bewerber: Geschlecht, Ethnie, Alter - und manchmal noch individuelle Eindrücke. Je nach Gesichtsausdruck können Menschen ziemlich dumm oder auch ziemlich klug aussehen - unabhängig davon, ob sie es auch tatsächlich sind. Das alles kann von den eigentlichen Fähigkeiten des Bewerbers ablenken, so dass vielleicht die falschen Kandidaten zur Vorstellung ins Unternehmen eingeladen werden und besser geeigneten Bewerbern das Aussehen zum Verhängnis wird.

          Doch nehmen wir einmal an, die Bewerbungsunterlagen blieben bis auf das fehlende Foto gleich - es würde sich vermutlich nicht viel ändern. Denn schließlich blieben immer noch eine Reihe von anderen Informationen in den Standardbewerbungen, die Rückschlüsse auf potentiell diskriminierende Merkmale liefern: Name (Geschlecht, eventuell Herkunft), Geburtsdatum (Alter), Geburtsort und Nationalität (Herkunft), Wohnort (Sozialisation), Zivilstand. Allein mit dem Namen des Kandidaten können die Personaler weiterhin einer seit einigen Jahren immer beliebter werdenden Beschäftigung nachgehen: den Bewerber zu googeln und in den sozialen Netzen mehr über ihn herauszufinden. Das macht laut einer Bitkom-Studie aus dem vergangen Jahr jedes zweite Unternehmen so. Und spätestens an der Stelle dürften dann Fotos auftauchen und die gutgemeinte Einstiegshilfe wäre dahin.

          Auf der Welt funktionieren Bewerbungen überall unterschiedlich

          Wie Bewerbungsverfahren funktionieren, ist mittlerweile auf der ganzen Welt zum Thema eine Reihe von Untersuchungen geworden. Die Verfahren sind bereits in den Grundzügen sehr unterschiedlich: In Asien wird teils sehr detailliert und ganz legal nach persönlichen Angaben gefragt. In Südkorea etwa müssen sich Bewerber Fragen nach Trinkgewohnheiten gefallen lassen, auch Angaben zu Gewicht oder finanziellem Status sind nicht tabu. Amerikanische Unternehmen dagegen müssen bereits seit den 1960er Jahren strenge Anti-Diskriminierungs-Vorschriften befolgen. In Deutschland gibt es das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, das Diskriminierung aufgrund von Rasse, ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter und sexueller Identität verbietet.

          Vergleicht man verschiedene europäische Studien, sind die Ergebnisse eindeutig. Die Chancen für potentiell diskriminierte Gruppen (zum Beispiel Minderheiten oder Frauen), zu einem Gespräch eingeladen zu werden, steigen durch ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren und unterscheiden sich dann nicht mehr von denen vergleichbarer anderer Kandidaten, wie eine Übersicht des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) zeigt.

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