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Anonyme Bewerbungen : Kandidat ohne Eigenschaften

  • -Aktualisiert am

Bewerbung der anderen Art: Nur die Qualifikation zählt, alles andere bleibt im Dunkeln. Bild: dpa

Anonyme Bewerbungen sollen vor Diskriminierung schützen. Doch bei Arbeitgebern kommen sie nicht gut an. Von einem Pilotprojekt ist wenig übrig geblieben. Zu Recht?

          5 Min.

          Sich anpreisen und gleichzeitig anonym bleiben - das klingt nach einem ziemlich umständlichen Unterfangen. Ist es auch: Der Lebenslauf muss entrümpelt werden, es darf kein Name, keine Adresse, kein Geburtsdatum und kein Familienstand auftauchen. Was zählt, ist die Qualifikation - und sonst gar nichts. Alle notwendigen Informationen müssen in vorgefertigte Formulare im Internet übertragen werden. „Ich fand es sehr aufwendig“, berichtet Natalie Mankuleyio, die diesen Balanceakt vor eineinhalb Jahren bewältigte. „Da muss man richtig aufpassen. Denn manchmal verbergen sich Hinweise schon in Titeln wie Mediendesignerin.“

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Der Aufwand hat sich gelohnt, ihre anonyme Bewerbung hatte Erfolg. Inzwischen arbeitet Natalie Mankuleyio beim Münchner Internethändler Mydays GmbH - und sieht nun die Vor- und Nachteile dieses Verfahren von der anderen Seite des Schreibtischs. Als Personalleiterin bearbeitet sie jetzt selbst anonyme Bewerbungen. Für sie ist dieses Verfahren eine Erfolgsgeschichte, auch wenn sie als junge Frau mit kenianischen Wurzeln vorher auf der Suche nach einer neuen Stelle gar keine schlechten Erfahrungen gemacht hat, zumindest nicht bewusst. „Ich hatte damals nicht das Gefühl, das zu brauchen“, räumt sie ein. Sie trieb eher die Neugier dazu, es einmal auf diesem Weg zu versuchen. „Aber ich bin generell überzeugt davon, dass Menschen Vorurteile haben. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, ein anonymisiertes Verfahren zu nutzen.“

          Die Informationen werden nachgereicht

          Anonym ist ohnehin nur der erste Eindruck. Die konkreten Details werden schon in der zweiten Runde nachgeliefert. Mit der Einladung zum Vorstellungsgespräch verbindet sich stets auch die Bitte des potentiellen Arbeitgebers, die restlichen Informationen beizubringen. Und spätestens dann sind sie wieder da: Foto, Alter und Herkunft können in die Beurteilung einfließen. „Deshalb hält sich die Überraschung beim Bewerbungsgespräch in Grenzen“, sagt Mankuleyio.

          Abgespeckte Bewerbungsunterlagen sind auch in anderen Ländern üblich. In den Vereinigten Staaten kommen die Arbeitgeber schon lange ohne Fotos aus, auch Alter und Familienstand gehören dort nicht in die Unterlagen. Strenge Antidiskriminierungsgesetze verbieten es ihnen, Beschäftigte nach Kriterien wie Geschlecht, Alter, Nationalität, Behinderung oder Religion auszuwählen. Allerdings wird dort nicht auf den Namen verzichtet - und auch der kann einiges verraten, nicht nur über das Geschlecht, sondern auch über die Herkunft.

          In Skandinavien hat sich die anonymisierte Bewerbung nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes längst durchgesetzt, ebenso in der belgischen Verwaltung. Auch in Deutschland wurde die anonymisierte Bewerbung in einem Pilotprojekt schon als wichtiger Baustein auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit gefeiert. Doch die Arbeitgeber tun sich noch schwer damit - obwohl auch hierzulande seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz Diskriminierungen in vielen Fällen verbietet.

          Angefangen hat alles 2011 mit einem Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle. Dafür fanden sich neun Arbeitgeber, die für ein Jahr ausschließlich anonymisierte Bewerbungsverfahren anwenden wollten, darunter neben großen Namen wie Deutsche Telekom, Deutsche Post und Procter & Gamble auch Mydays und die Stadtverwaltung Celle. Das Projekt stieß damals auf ein breites Medienecho, doch die tatsächlichen Auswirkungen hielten sich bisher in Grenzen. Folgt man dem Abschlussbericht des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) vom März 2012, waren die Reaktionen auf die Ergebnisse des Projekts durchaus positiv. Insbesondere die Chancen von Frauen und Migranten hätten sich erheblich verbessert. Nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle haben vier Unternehmen das anonymisierte Bewerbungsverfahren nach Ende des Projekts beibehalten. Gerade ist das Buch „Chance für alle“ des Journalisten Rocco Thiede erschienen, das die Erfahrungen von Menschen wie Natalie Mankuleyio in diesem Prozess beschreibt.

          Aber es gab auch andere Stimmen: Die Auswahl der Unternehmen sei zu positiv gewesen, nörgelten die Kritiker. Diese Unternehmen hätten ohnehin schon eine vielfältige Bewerberpolitik verfolgt. Es habe keine Vergleichsgruppe gegeben und dem ganzen Abschlussbericht fehle es an konkreten Daten und Zahlen. Auch die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände sprach sich gegen das anonymisierte Verfahren aus und bezeichnete die Studie als nicht repräsentativ - das hat allerdings noch nicht einmal das IZA behauptet.

          Wird die Diskriminierung nur auf später verlagert?

          Die Antidiskriminierungsstelle zeigt sich unbeeindruckt von dieser Kritik. „Ich bin davon überzeugt, dass sich das Verfahren langfristig in Deutschland durchsetzen wird“, sagt Christine Lüders. Sie ist Leiterin der Antidiskriminierungsstelle und damit quasi die Mutter des Pilotprojekts. Allerdings rät auch sie zum Realismus: „Man muss immer dazusagen, dass die anonymisierte Bewerbung kein Allheilmittel ist. Sie ist vielmehr ein Baustein des Diversitymanagements.“ Und dafür kann sie gezielt eingesetzt werden: Wenn ein Arbeitgeber zum Beispiel bei gleicher Qualifikation von Bewerbern ausdrücklich eine Frau einstellen wolle, sei das auch im anonymen Verfahren möglich. Es könne über extra Felder im Bewerbungsformular geregelt werden, dass weibliche Bewerber bevorzugt werden. Das Ausfüllen geschieht dann freiwillig.

          Allerdings stellt sich die Frage, ob sich durch das anonymisierte Verfahren die Diskriminierung nicht einfach in einen späteren Abschnitt des Bewerbungsverfahrens verlagert. Eine Frau, der wegen ihres Alters ein baldiger Kinderwunsch unterstellt wird, kommt dadurch zwar bis ins Bewerbungsgespräch - aber womöglich nicht darüber hinaus.

          Gutes Echo bei den Bewerbern

          Immerhin scheint diese Art des Verfahrens bei den Bewerbern gut anzukommen: Rund 40 Prozent bevorzugen die anonymisierte Bewerbung, während gut ein Viertel der Bewerber glaubt, dass sie mit einer aussagekräftigen Bewerbung bessere Chancen haben. Jeder Dritte findet, dass es keinen Unterschied macht, ob er sich anonym oder personalisiert bewirbt. „Auf jeden Fall haben wir einen Stein ins Rollen gebracht“, findet Lüders.

          Die Antidiskriminierungsstelle will das anonymisierte Bewerbungsverfahren auf jeden Fall weiterverfolgen. Sie unterstützt die Länder bei den einzelnen Projekten, die mittlerweile deutschlandweit durchgeführt werden. Begeistert ist sie von einem Beispiel in Baden-Württemberg, das sich auf kleine und mittelständische Unternehmen konzentriert und eher den wirtschaftlichen Aspekt der anonymisierten Bewerbung ins Auge fasst. Das System sei viel effizienter als klassische Bewerbungsverfahren. Durch die anonymisierte Bewerbung sei eine viel zielgenauere Personalauswahl möglich. Grundsätzlich sei die Umstellung auf Online-Bewerbungsverfahren, die gerade überall Einzug hielten, eine gute Chance, gleichzeitig auch auf anonymisierte Bewerbungen umzusteigen. Es sei ein Leichtes, diese Schritte zu verbinden, meint Lüders.

          Auch für Natalie Mankuleyio überwiegen die Vorteile: „Ich bin immer freudig überrascht, wenn ich merke, dass ich etwas anderes erwartet habe“, sagt sie. „Dann sehe ich immer, warum dieses Verfahren sinnvoll ist.“ Inzwischen bewerben sich auch immer häufiger Menschen anonym, die es eigentlich nicht nötig haben, weil sie „wunderschön“ sind, berichtet die Personalleiterin lachend. „Die wollen ihren Vorteil gar nicht ausnutzen.“

          Für unerfahrene Bewerber schwierig

          Allerdings nutzt auch Mydays das Verfahren nicht für jede Neubesetzung. Positionen, die ganz spezifische Anforderungen haben, sind explizit ausgenommen. „In diesen Fällen ist es ohnehin schon schwierig, die Position zu besetzen“, sagt sie. „Da wollen wir nicht noch zusätzlich eine Hürde durch das Formular aufbauen.“ Auch bei Berufsanfängern bringe das standardisierte Verfahren nichts. „Unerfahrene Bewerber haben noch Schwierigkeiten, ihre Kompetenzen hervorzuheben“, sagt die Personalerin. „Wenn man die dann noch durch ein Formular jagt, kann man mit den Informationen nicht viel anfangen.“

          Dass das anonymisierte Verfahren in der Wirtschaft bislang so unbeliebt ist, könnte auch eine Folge von Unkenntnis sein, findet Mankuleyio. „Letztlich bedeutet es für Unternehmen eine Effizienzsteigerung.“ Man bekomme die Informationen über einen Bewerber sehr komprimiert. „Wenn noch andere Unternehmen das erkennen würden, wären bestimmt auch mehr dabei.“

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