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Anonyme Bewerbungen : Kandidat ohne Eigenschaften

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Aber es gab auch andere Stimmen: Die Auswahl der Unternehmen sei zu positiv gewesen, nörgelten die Kritiker. Diese Unternehmen hätten ohnehin schon eine vielfältige Bewerberpolitik verfolgt. Es habe keine Vergleichsgruppe gegeben und dem ganzen Abschlussbericht fehle es an konkreten Daten und Zahlen. Auch die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände sprach sich gegen das anonymisierte Verfahren aus und bezeichnete die Studie als nicht repräsentativ - das hat allerdings noch nicht einmal das IZA behauptet.

Wird die Diskriminierung nur auf später verlagert?

Die Antidiskriminierungsstelle zeigt sich unbeeindruckt von dieser Kritik. „Ich bin davon überzeugt, dass sich das Verfahren langfristig in Deutschland durchsetzen wird“, sagt Christine Lüders. Sie ist Leiterin der Antidiskriminierungsstelle und damit quasi die Mutter des Pilotprojekts. Allerdings rät auch sie zum Realismus: „Man muss immer dazusagen, dass die anonymisierte Bewerbung kein Allheilmittel ist. Sie ist vielmehr ein Baustein des Diversitymanagements.“ Und dafür kann sie gezielt eingesetzt werden: Wenn ein Arbeitgeber zum Beispiel bei gleicher Qualifikation von Bewerbern ausdrücklich eine Frau einstellen wolle, sei das auch im anonymen Verfahren möglich. Es könne über extra Felder im Bewerbungsformular geregelt werden, dass weibliche Bewerber bevorzugt werden. Das Ausfüllen geschieht dann freiwillig.

Allerdings stellt sich die Frage, ob sich durch das anonymisierte Verfahren die Diskriminierung nicht einfach in einen späteren Abschnitt des Bewerbungsverfahrens verlagert. Eine Frau, der wegen ihres Alters ein baldiger Kinderwunsch unterstellt wird, kommt dadurch zwar bis ins Bewerbungsgespräch - aber womöglich nicht darüber hinaus.

Gutes Echo bei den Bewerbern

Immerhin scheint diese Art des Verfahrens bei den Bewerbern gut anzukommen: Rund 40 Prozent bevorzugen die anonymisierte Bewerbung, während gut ein Viertel der Bewerber glaubt, dass sie mit einer aussagekräftigen Bewerbung bessere Chancen haben. Jeder Dritte findet, dass es keinen Unterschied macht, ob er sich anonym oder personalisiert bewirbt. „Auf jeden Fall haben wir einen Stein ins Rollen gebracht“, findet Lüders.

Die Antidiskriminierungsstelle will das anonymisierte Bewerbungsverfahren auf jeden Fall weiterverfolgen. Sie unterstützt die Länder bei den einzelnen Projekten, die mittlerweile deutschlandweit durchgeführt werden. Begeistert ist sie von einem Beispiel in Baden-Württemberg, das sich auf kleine und mittelständische Unternehmen konzentriert und eher den wirtschaftlichen Aspekt der anonymisierten Bewerbung ins Auge fasst. Das System sei viel effizienter als klassische Bewerbungsverfahren. Durch die anonymisierte Bewerbung sei eine viel zielgenauere Personalauswahl möglich. Grundsätzlich sei die Umstellung auf Online-Bewerbungsverfahren, die gerade überall Einzug hielten, eine gute Chance, gleichzeitig auch auf anonymisierte Bewerbungen umzusteigen. Es sei ein Leichtes, diese Schritte zu verbinden, meint Lüders.

Auch für Natalie Mankuleyio überwiegen die Vorteile: „Ich bin immer freudig überrascht, wenn ich merke, dass ich etwas anderes erwartet habe“, sagt sie. „Dann sehe ich immer, warum dieses Verfahren sinnvoll ist.“ Inzwischen bewerben sich auch immer häufiger Menschen anonym, die es eigentlich nicht nötig haben, weil sie „wunderschön“ sind, berichtet die Personalleiterin lachend. „Die wollen ihren Vorteil gar nicht ausnutzen.“

Für unerfahrene Bewerber schwierig

Allerdings nutzt auch Mydays das Verfahren nicht für jede Neubesetzung. Positionen, die ganz spezifische Anforderungen haben, sind explizit ausgenommen. „In diesen Fällen ist es ohnehin schon schwierig, die Position zu besetzen“, sagt sie. „Da wollen wir nicht noch zusätzlich eine Hürde durch das Formular aufbauen.“ Auch bei Berufsanfängern bringe das standardisierte Verfahren nichts. „Unerfahrene Bewerber haben noch Schwierigkeiten, ihre Kompetenzen hervorzuheben“, sagt die Personalerin. „Wenn man die dann noch durch ein Formular jagt, kann man mit den Informationen nicht viel anfangen.“

Dass das anonymisierte Verfahren in der Wirtschaft bislang so unbeliebt ist, könnte auch eine Folge von Unkenntnis sein, findet Mankuleyio. „Letztlich bedeutet es für Unternehmen eine Effizienzsteigerung.“ Man bekomme die Informationen über einen Bewerber sehr komprimiert. „Wenn noch andere Unternehmen das erkennen würden, wären bestimmt auch mehr dabei.“

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