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Einrichtung in Höxter : Pflegeheim schließt wegen Personalmangels

Der Fachkräftemangel im Bereich der Pflege ist ein Dauerthema. Bild: dpa

„Wir bekommen einfach keine Pflegefachkräfte“, sagt der Chef des Heims zur Begründung für den Schritt. Der Fall illustriert, wie drastisch die Auswirkungen des Mangels schon sind. Und das Haus in Höxter ist nicht das einzige.

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          Das Thema Fachkräftemangel treibt viele Branchen um. Besonders dramatisch ist die Situation in der Altenpflege. Schließlich wird der Bedarf an gut ausgebildeten Pflegekräften aufgrund des demografischen Wandels auch in Zukunft weiter ansteigen und schon jetzt ist die Lage angespannt. Das unterstreicht nicht zuletzt ein aktueller Fall aus dem nordrhein-westfälischen Höxter. Ende August schließt hier das zur Asklepios-Kliniken-Gruppe gehörende Pflegeheim Weserblick. Der Grund: Personalmangel.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Pflegeheim „Weserblick“ ist kein Einzelfall. Erst kürzlich wurde bekannt, dass auch in Hamburg ein Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt schließen muss – ebenfalls wegen Fachkräftemangels. Im schleswig-holsteinischen Kreis Segeberg hatte es in den vergangenen Jahren drei ähnliche Fälle gegeben. „Wir bekommen einfach keine Pflegefachkräfte. Der Markt ist leergefegt", begründet Rüdiger Pfeifer, Geschäftsführer des nun betroffenen Pflegeheims Weserblick, die Entscheidung.

          Die Lage habe sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert. Nun sei man an einem Punkt angekommen, an dem man die „pflegerische Versorgung“ nicht mehr sicherstellen könne. Derzeit seien noch 31 der 67 Betten des Heims belegt. Für die aktuellen Bewohner werden Plätze in umliegenden Einrichtungen gesucht, so Pfeifer. Auch die Belegschaft des Heims in Höxter, rund 20 Angestellte, soll möglichst in der Weserbergland-Klinik weiterbeschäftigt werden.

          Personalmangel akut

          Die Zahl der Beschäftigten in der Altenpflege ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, mit dem wachsenden Bedarf hat sie aber nicht Schritt gehalten. Im Jahr 2018 gab es laut Bundesagentur für Arbeit 583.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Altenpflege und damit 93.000 mehr als noch 2014. Attraktiv ist der Pflegebereich auch für Umschüler. Im Jahr 2018 haben laut Arbeitsagentur 45.593 Menschen eine Umschulung begonnen. Das Ziel der Mehrheit (17 Prozent) war der Bereich der „nichtmedizinischen Gesundheitsberufe“, darunter fällt vor allem auch der Beruf des Altenpflegers.

          Dennoch mangelt es nach wie vor an Personal: Bei den Arbeitsagenturen stehen im Durchschnitt 100 offenen Stellen nur 19 Arbeitslose gegenüber. Vor fünf Jahren war das Verhältnis 100 zu 38. Rund 24.000 Stellen waren der Bundesagentur für Arbeit zufolge im vergangenen Jahr im Durchschnitt unbesetzt. Der Verdienst einer Fachkraft in der Altenpflege belief sich laut Arbeitsagentur im Jahr 2017 im Mittel auf 2746 Euro brutto im Monat, wenn diese Vollzeit arbeitete. Geschäftsführer aus Pflegeeinrichtungen berichten, dass heute kaum noch irgendwo weniger als 3000 Euro brutto im Monat für eine Fachkraft gezahlt werden.

          Für Rüdiger Pfeifer beschränkt sich das Problem jedoch nicht bloß auf die Bezahlung: „So lange die Arbeitsbelastung durch die eng bemessenen Stellenschlüssel so hoch bleibt, ist der Beruf zu unattraktiv, um genügend Menschen dafür zu begeistern“, kritisiert er. Diese Ansicht teilen viele Pflegeheimbetreiber und auch die Politik. Die Bundesregierung hat in ihrer „Konzertierten Aktion Pflege" zusammen mit Vertretern von 50 Interessengruppen Ideen gesammelt, wie die Pflege wieder attraktiver werden kann, und zuvor schon ein Sofortprogramm beschlossen, mit dem 13.000 zusätzliche Stellen finanziert werden sollen. Allerdings: Auch für diese Stellen müssen erst einmal Menschen gefunden werden.

          „Was hier passiert, geht in Richtung Erpressung“

          Für immer mehr Pflegekräfte ist daher die Zeitarbeit zunehmend interessant. Die Unternehmen in der Branche locken Arbeitnehmer mit überdurchschnittlichen Löhnen, mehr Zuschlägen für unbeliebte Schichten und angenehmeren Arbeitszeiten. Teilweise gibt es sogar Fahrgeld. Das funktioniert auch deshalb, weil Pflegeeinrichtungen auf Grund der Personalnot auf die Zeitarbeitnehmer angewiesen sind und die Konditionen der Zeitarbeitsunternehmen bezahlen. Auch im Pflegeheim Weserblick wurden Lücken im Dienstplan immer wieder durch den Einsatz von im Vergleich zu Festangestellten teuren Zeitarbeitnehmern geschlossen.

          Pfeifer sieht diese Entwicklung kritisch und hat besonders die Personaldienstleister im Visier: „Sie ziehen den Betreibern der Einrichtungen das Personal ab, um es ihnen anschließend zu höheren Konditionen wieder anzubieten“, sagt Pfeifer. Der Leiter eines größeren privaten Anbieters von Pflegeeinrichtungen kommentierte die Situation gegenüber der F.A.Z. kürzlich folgendermaßen: „Was hier passiert, geht in Richtung Erpressung.“

          Zeitarbeit in Pflege verbieten?

          Von einigen Seiten wurde schon ein Verbot der Leiharbeit im Pflegebereich gefordert. Das ist auch bei Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angekommen, der schon durchblicken ließ, dass er lieber weniger Leiharbeit in der Pflege hätte und mehr Festangestellte. Der Zeitarbeitsbranche gefallen solche Äußerungen naturgemäß gar nicht. Passiert ist bislang nichts.

          Ein jüngst vom Kabinett gebilligter Gesetzesentwurf sieht derweil vor, dass es leichter wird, einen Tarifvertrag auch dann allen Pflegeanbietern vorzuschreiben, wenn nur eine kleine Minderheit der Branche an dessen Aushandlung beteiligt war. Ein von der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Mitte Juni gegründeter neuer Arbeitgeberverband will mit Verdi einen solchen Tarifvertrag verhandeln, der dann zur allgemeingültigen Vorgabe für die ganze Branche gemacht werden soll – auch gegen bestehende Arbeitgeberverbände und deren Tarifwerke. Das Vorhaben gilt freilich als verfassungsrechtlich heikel und hat auch schon Kritik vom Deutschen Roten Kreuz und der Vereinigung der Kommunalen Arbeitgeber (VKA) auf sich gezogen.

          Der Gesetzesentwurf sieht zudem die Möglichkeit vor, dass die seit 2010 bestehende Pflege-Lohnkommission umgebaut wird, damit sie künftig neben Mindestlöhnen für Hilfskräfte mehrstufige Lohnuntergrenzen auch für Fachkräfte beschließt. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) favorisiert allerdings den Ansatz von Awo und Verdi.

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