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Alltag Jobwechsel : Leben als ewiger Neueinsteiger

Bild: F.A.Z.- Cyprian Koscielniak

Anders als in Deutschland sehen die Briten Zeitarbeit nicht als Sprungbrett in einen festen Job. Höher qualifizierte Fachkräfte schätzen die Ex-und-hopp-Karrieren. Doch die Arbeitsbedingungen sind hart.

          5 Min.

          Abdul Hoque schätzt den ständigen Wechsel. Heute installiert er ein neues Computersystem in einem Londoner Betrieb. Sechs Monate später sitzt der 39 Jahre alte IT-Spezialist an einem neuen Schreibtisch. Seit vier Jahren arbeitet Hoque als eigenständiger Unternehmer für mehrere Zeitarbeitsfirmen in Großbritannien. Eine feste Anstellung wäre ihm ein Graus. "Ich kann auf diese Weise viel Erfahrung sammeln, ohne in die politischen Spielchen in Unternehmen verwickelt zu werden. Ich werde für einen ganz bestimmten Auftrag bezahlt. Wenn er erledigt ist, ziehe ich weiter."

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          In keinem Land der Erde ist die Zeitarbeit so verbreitet wie im Vereinigten Königreich (siehe dazu das Kurz-Interview mit Wolfgang Clement: Briten haben ein Jahrzehnt Vorsprung). Während in Deutschland 1,2 Prozent der Erwerbstätigen als Zeitarbeiter beschäftigt sind, erreicht Großbritannien eine Quote von 5 Prozent. Für mehr als 700 000 Menschen auf der Insel gehört der ständige Jobwechsel zum Berufsalltag. Schlägt man eine Londoner Tageszeitung auf, finden sich spaltenweise Angebote für Zeitarbeitskräfte. "Temps" scheinen die Qual der Wahl zu haben. "Persönliche Assistentin gesucht - 14 Pfund pro Stunde (21 Euro)", "Schnell wachsende Kanzlei, die in ihre Mitarbeiter investieren will, sucht Aushilfssekretärin", "Hervorragende Chancen für Temps in der Medienbranche".

          Ex-und-hopp-Karrieren

          Anders als in Deutschland sehen die Briten Zeitarbeit nicht primär als Sprungbrett für Arbeitslose in einen festen Job. Vor allem Einwanderer, Studenten und Angestellte mit geringem Einkommen arbeiten als "Temps". Doch auch höher qualifizierte Fachkräfte schätzen die Ex-und-hopp-Karrieren. Abdul Hoque kalkuliert, dass er im Jahr bis zum Eineinhalbfachen eines Festangestellten verdienen kann - bei größerer Freiheit, aber auch größerem Risiko.

          "Es ist eine Mentalitätsfrage. In Großbritannien werden Leute schief angeschaut, die in ihrem Berufsleben nicht fünf- bis zehnmal den Arbeitgeber gewechselt haben. Man macht sich verdächtig, den Anschluss verpasst zu haben", beobachtet Jörn Hadenfeldt, Geschäftsführer der englischen Tochtergesellschaft des Nürnberger Zeitarbeitsunternehmens I. K. Hofmann. "In Deutschland ist es genau umgekehrt. Häufige Jobwechsel gelten immer noch als Makel im Lebenslauf."

          Boom nach Weihnachten

          Imageprobleme wie in Deutschland kennen die britischen Zeitarbeitsunternehmen nicht. Besonders nach Weihnachten boomt das Geschäft. Dann suchen Tausende Briten nach einer kurzfristigen Arbeit, um ihr Konto aufzufüllen und die Kreditkartenrechnungen zu bezahlen. Sie setzen sich nach Feierabend in Callcenter, erledigen am Wochenende die Ablage in Büros. "Die Zeitarbeit ist hilfreich, um schnell eine Arbeit zu finden und zusätzlich Geld zu verdienen", wirbt der Branchenverband REC. Nach Angaben des Nationalen Statistikamtes haben mehr als eine Million Menschen auf der Insel zwei Jobs. 3,75 Millionen sollen laut der Gewerkschaft TUC mehr als 48 Stunden in der Woche arbeiten.

          Karolina Lemiesz ist eine der vielen polnischen Einwanderer in Großbritannien, die sich mit Zeitarbeit ihren Lebensunterhalt verdienen. Der Arbeitstag der jungen Frau startet um 6 Uhr morgens und dauert bis tief in die Nacht. Bis nachmittags verpackt sie Kleidungsstücke und Kosmetikartikel in einem Lager. Wenn ihre festangestellten Kollegen den Feierabend antreten, geht es für sie in die zweite Runde. Mehrere Stunden putzt Lemiesz in einem Hotel. Natürlich hätte sie lieber einen festen Job, sagt sie in gebrochenem Englisch, aber der sei nicht so einfach zu finden. Die Zeitarbeitsagenturen vermittelten ihr schnell immer wieder neue Arbeit. "Es funktioniert gut", meint sie lächelnd. In ihrem Heimatland suchte sie vergeblich nach Arbeit.

          Mit allen Pflichten

          So unkompliziert ist die Jobberei je nach Bedarf nur, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Zeitarbeit in Großbritannien flexibler sind als in Deutschland. Hierzulande wird die Zeitarbeitsfirma zum regulären Arbeitgeber - mit allen damit verbundenen Pflichten. Die Verleiher zahlen die Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung, gewähren Mutterschutz, bezahlten Urlaub und müssen sich an den gesetzlichen Kündigungsschutz halten. Auch wenn sich an einen Einsatz nicht sofort der nächste anschließt, kann der Zeitarbeiter nicht sofort entlassen werden. Die Löhne legen Tarifverträge fest. Darüber hinaus gibt es Sonderregeln. Beispielsweise dürfen Zeitarbeiter nicht am Bau eingesetzt werden. "Auch wenn das Gesetz an vielen Stellen gelockert wurde, können wir immer noch nicht so flexibel agieren, wie es gerade in dieser Branche nötig wäre", klagt Randstad-Geschäftsführerin Heide Franken.

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