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Pfleger und Therapeuten : Die neuen Eliten am Krankenbett

Krankenbett oder Hörsaal: Wo sollen junge Menschen künftig Pflegeberufe lernen? Bild: action press

Immer mehr Pfleger und Therapeuten gehen an die Hochschulen und erwerben akademische Abschlüsse. Aber gehört die Hebamme wirklich in den Hörsaal – oder doch lieber zu den Schwangeren?

          3 Min.

          Demnächst werden immer mehr Schulabsolventen vor einer heiklen Entscheidung stehen, wenn sie einen Gesundheitsberuf ergreifen wollen: Ausbildung oder Studium? Denn mehr und mehr Bachelor-Studiengänge für Krankenpfleger, Hebammen oder Physiotherapeuten sind im Entstehen. Für junge Menschen stellt sich deshalb zunehmend die Frage: Brauchen Pfleger einen Hochschulabschluss, damit sie elektronische Krankenakten lesen und mit der digitalen Zukunft besser umgehen können? Sollten Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Hebammen studieren, damit sie mehr Verantwortung und Anerkennung bekommen – und am Ende ein besseres Gehalt?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Hinter diesen Fragen steht eine größere politische Debatte. Es geht schlicht darum, ob die bevorstehenden Versorgungsengpässe an den Alten- und Krankenlagern der Republik nur durch eine akademische Aufwertung der Gesundheitsfachberufe zu meistern sein werden. Eine Zahl: 10.000 neue Alzheimerkranke jedes Jahr allein in einem Land wie Sachsen-Anhalt, das ist die Zukunft, über die Hans-Jochen Heinze in dem Zusammenhang spricht. Heinze ist Neurologe an der Universität Magdeburg und Vorsitzender des Ausschusses Medizin beim Wissenschaftsrat. Im Sommer vergangenen Jahres hat der Kliniker die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Akademisierung von Gesundheitsberufen vorgelegt und sich damit auch in seinem eigenen Berufsstand nicht nur Freunde gemacht.

          Es geht um Umverteilung von Finanzen und von Verantwortung

          Bundesärztekammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery etwa warnte vor einer „zwangsweise durchgeführten Akademisierung“. Die allerdings steht so gar nicht in dem Papier: Zehn bis zwanzig Prozent der Gesundheitsfachkräfte sollten nach dem Willen des Wissenschaftsrats künftig Universitäten oder Fachhochschulen besuchen und mindestens mit einem Bachelor-Abschluss wieder verlassen. „Pflege braucht Eliten“, war nach Bekanntwerden des Konzepts die eine Reaktion, in dem Fall auf Seiten einer für die Gesundheitsberufe engagierten Universität Bremen. „Hebamme bleib bei deinen Schwangeren“, lautete die Schlagzeile des Kritikers, der für mehr Verantwortung für klassisch geschulte Fachkräfte und eine bessere Bezahlung plädierte. Ein Kulturkampf ist entbrannt: Ärzte, Berufsverbände, Fachgesellschaften, Politiker – alle beharken sich. Hier geht es nicht nur um Qualifikationen, sondern um Umverteilung. Um Umverteilung von Finanzen und wohl auch Verantwortung.

          Das Gesundheitssystem, das mit inzwischen knapp dreihundert Milliarden Euro Krankheitskosten auf immer neue Höhen klettert, stößt an Grenzen. Zwischen 2000 und 2010 ist die Zahl der Pflegebedürftigen im Land um 15 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist die Zahl der Pflegekräfte in den Kliniken von 396000 auf 382000 gesunken. Der Wissenschaftsrat sieht zwar noch keinen akuten Pflegemangel. Aber die Situation, das hat Heinze deutlich gemacht, wird sich rapide verschärfen. Der Wissenschaftsrat sieht das pragmatisch. Die technischen und medizinischen Anforderungen werden mit dem wissenschaftlichen Fortschritt zunehmen – auch für Pfleger. Auf einer internationalen Tagung des Rates in Berlin ist deutlich geworden: Die stärkere Verzahnung von Theorie und Praxis erfordert wenigstens von einem Teil der Pflegekräfte „mehr Wissenschaftskompetenz“, wie Heinze sagt. Pflege soll, wie die Medizin, stärker auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Heinze fordert einen stärker reflektierenden, dem Fortschritt gegenüber aufgeschlossenen Fachmann jenseits des Arztberufes. Auf dem Land, wo Ärzte oft weite Wege für vergleichsweise unkritische Behandlungen zurücklegen müssen, sieht der Magdeburger Neurologe das größte Potential für die akademisch ausgebildeten Pflegekräfte.

          Pflege durch Billigkräfte aus dem Ausland

          „Halt“, rufen da allerdings Mediziner, Juristen und auch die Krankenhausgesellschaft. Der Patient hat ein Recht auf ärztliche Behandlung. Die Auseinandersetzung dreht sich also auch um die Frage: Bleibt es bei der Delegation von Aufgaben, oder geht es doch auch um Substitution? Wird es Teams geben, in denen mehrere Professionen vertreten sind? Für Ratsmitglied Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld steht fest: „Eine gemeinsame Verantwortung gibt es bisher nicht“, und deshalb müsse es eine „Modernisierung“ und „klare Arbeitsteilung“ geben. Für andere wie Bundesärztekammer-Präsident Montgomery bedeutet Akademisierung dagegen eine teure Überqualifizierung mit Folgen: In Großbritannien oder Australien etwa wird ein Großteil der jungen Menschen, die Gesundheitsfachberufe anstreben, an Hochschulen ausgebildet. Dort allerdings müssten Pflegedienste dafür verstärkt von Billigkräften aus dem Ausland erledigt werden.

          Auch in vielen Nachbarländern, in der Schweiz, Österreich, Schweden oder den Niederlanden etwa, hat die Akademisierungsquote in einigen Gesundheitsberufen schon hundert Prozent erreicht. Das hat dort nicht alle Versorgungsprobleme gelöst, aber angeblich die Attraktivität dieser schwierigen Berufe gesteigert. Und auch in Deutschland tastet man sich in diese Richtung vor. Die Robert-Bosch-Stiftung hat ein großes Programm ausgeschrieben: „Operation Team“ für interprofessionelle Projekte von Ärzten und Gesundheitsfachkräften. Viele Länder wie Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bremen hatten schon vor dem Wissenschaftsrat Initiativen gestartet und verstärken sie nun. Neue Hochschulen wurden gegründet wie in Bochum oder Köln (siehe Text oben rechts), Studiengänge für Gesundheitsfachberufe eingerichtet wie in Freiburg, Ulm, Heidenheim und Heidelberg. In Nordrhein-Westfalen sieht man sich mit elf neuen Modellstudiengängen als „Vorreiter der Akademisierung“, und auch Bayern, Berlin, Schleswig-Holstein und Thüringen mit dem Jenaer „Gesundheitscampus“ sind inzwischen aktiv geworden, um Studienplätze für Gesundheitsfachkräfte anzubieten. Selbst wenn es keine Vollakademisierung geben wird: Eine Teilakademisierung ist schon sichtbar auf dem Weg.

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