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Medizinstudium : Auf der Flucht vor dem NC

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow

In kaum einem Fach ist der Numerus clausus eine solche Hürde wie in der Medizin. Viele Studenten umgehen ihn mit Tricks vom Anwalt oder in Osteuropa. Doch selbst das wird schwieriger.

          5 Min.

          Eine gewisse Eingewöhnungszeit hat er gebraucht. Aber jetzt, nach knapp zwei Monaten, gefällt es Markus Groß im ungarischen Pécz richtig gut. „Lebendige studentische Szene, schöne Altstadt, internationales Flair“- so lautet das Fazit des 23 Jahre alten Bautzeners. Groß studiert seit September Medizin an der Fakultät im Süden Ungarns - ganz auf Deutsch, sechs Jahre lang bis zum Examen, für 6600 Euro je Semester. Er muss diese Summe nicht selbst aufbringen, sein Studium wird aus dem sächsischen Strukturfonds finanziert. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Freistaates nutzt in diesem Jahr erstmals Gelder daraus, um zwanzig jungen Sachsen, deren Abiturnote für deutsche Medizinerfakultäten zu schlecht ist, ein Studium in Ungarn zu ermöglichen. Bedingung ist, dass Groß und seine Mitstipendiaten nach dem Examen ihre Facharztweiterbildung zum Allgemeinmediziner in Sachsen absolvieren und sich dann für mindestens fünf Jahre als Hausarzt dort in einer ländlichen Gegend niederlassen. Groß hadert nicht mit diesen Pflichten. Auf einen Studienplatz in Deutschland wartet er inzwischen schon seit fünf Jahren. In dieser Zeit hat er eine Ausbildung zum Rettungsassistenten abgeschlossen.

          In seinem Semester in Pécz sind etwas mehr als 200 Deutsche. Ob die anderen, die die Gebühren aus eigener Tasche zahlen, aus wohlhabenden Familien stammen oder ob sie einen Kredit aufgenommen haben - darüber kann Groß nur mutmaßen. „Ich kenne den Hintergrund der Leute nicht“, sagt er. Über Geld spricht man in Pécz nicht. Aber haben muss man es wohl schon. In der Vergangenheit haben Vertreter der deutschsprachigen Medizinstudiengänge in Budapest, Pécz und Szeged offiziell eingeräumt, dass vorwiegend Kinder aus wohlhabenden Familien als „NC-Flüchtlinge“ nach Ungarn kommen.

          Seit 1983 gibt es die Möglichkeit, den deutschen Numerus clausus für Humanmedizin in Ungarn zu umgehen. Jahrelang lag die Zahl der Bewerber für das deutschsprachige Studium stabil bei etwa 1000 pro Jahr. In den vergangenen fünf Jahren seien es dann aber immer um die 2000 gewesen, sagt Magdolna Fonyó, die Leiterin des Studentensekretariats in Budapest. Die Steigerung spiegelt den Ansturm auf die Medizinstudienplätze an den 35 Fakultäten in Deutschland. „So viele Bewerber wie in diesem Jahr waren es noch nie“, sagt Bernhard Scheer von der zentralen Vergabestelle Hochschulstart.de. 44.334 Bewerber kamen auf 9068 Studienplätze im Wintersemester. Zum Vergleich: Noch im Jahr 2003 waren es nur 29.000.

          Schere zwischen Bewerbern und Plätzen geht auf

          Der Anstieg blieb nicht ohne Folgen für den Numerus clausus. Wer in diesem Wintersemester ohne jegliche Zusatzkriterien einen Platz in Deutschland bekommen wollte, brauchte einen Schnitt von 1,0 oder 1,1, je nach Bundesland. Einzig in Schleswig-Holstein umfasste die sogenannte Abiturbestenquote, die zwanzig Prozent der Plätze ausmacht, auch noch Bewerber mit 1,2. Wer schlechter abgeschnitten hat, musste auf die sogenannte „AdH-Quote“ hoffen, auf das Auswahlverfahren der Hochschulen, die sich sechzig Prozent der Bewerber selbst aussuchen dürfen, dabei aber den Abiturschnitt stark einbeziehen müssen. „Da ergibt sich dann ein buntes Bild“, sagt Scheer. Früher habe er immer auf die Frage, mit welcher Note man noch eine Chance auf einen Medizinstudienplatz habe, geantwortet: „Eine Eins vor dem Komma sollte es schon sein.“ Doch solche Faustregeln werden immer unsicherer, so stark ist die Bewerberzahl gewachsen - und so vielfältig sind die Einzelregelungen der Fakultäten für die Plätze, bei denen sie mitbestimmen dürfen.

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