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Neues Zentrum in Marburg : Deutscher Dr. House sucht seltene Erkrankungen

Was tun, wenn man nicht weiter weiß? Nach Meinung von Jürgen Schäfer sollte es interdisziplinäre Ärzte-Teams an allen größeren Krankenhäusern geben. Unser Bild zeigt eine Szene aus der Uniklinik Bonn. Bild: dpa/dpaweb

Seit Jahren behandelt der Kardiologe Jürgen Schäfer Patienten, die andere schon aufgegeben haben. Jetzt richtet er sogar ein Zentrum für unerkannte Erkrankungen ein. Doch was müssen Ärzte können, um seltene Leiden zu diagnostizieren?

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          Eigentlich hatte der Kardiologe Jürgen Schäfer nur ein Medizin-Seminar aufpeppen wollen, das er regelmäßig an der Universität Marburg gab. Schließlich gehörte die Veranstaltung zum Thema Diagnostik seltener Erkrankungen nicht zum Pflichtprogramm seiner Studenten. Um das Seminar attraktiver zu machen, verpasste er ihm den Titel „Dr. House Seminar“ – in Anspielung auf die erfolgreiche amerikanische Fernsehserie, in der Hugh Laurie den abgedrehten, aber genialen Dr. House spielt, der allerlei abwegigen Leiden auf die Spur kommt. 

          Mittlerweile hat Schäfer für seine Dr.-House-Veranstaltung den „Ars legendi“-Preis für exzellente Lehre gewonnen. Sein Seminar hält er in diesem Semester zum fünften Mal; die Studenten kommen zahlreich und gern – sogar samstags. Das Seminar hatte aber noch weit größere Auswirkungen für den praktischen Medizinbetrieb: Anfang Dezember diesen Jahres eröffnet Jürgen Schäfer an der Marburger Uniklinik sein neues Zentrum für unerkannte Erkrankungen, in dem er gemeinsam mit einem sechsköpfigen Team Fälle von Patienten bearbeitet, die schon alle anderen gängigen Wege der Medizin erfolglos durchschritten haben.

          Jürgen Schäfer ist Kardiologe, Internist, Endokrinologe und Intensivmediziner. An der Universität Marburg hat er die Dr. Pohl Stiftungsprofessur inne. Er hat bereits den Ars legendi Preis für exzellente Lehre gewonnen, sowie den Pulsus-Award als bester Arzt des Jahres 2013.
          Jürgen Schäfer ist Kardiologe, Internist, Endokrinologe und Intensivmediziner. An der Universität Marburg hat er die Dr. Pohl Stiftungsprofessur inne. Er hat bereits den Ars legendi Preis für exzellente Lehre gewonnen, sowie den Pulsus-Award als bester Arzt des Jahres 2013. : Bild: Universität Marburg / Grassmann

          „Dass aus einem kleinen Seminar ein reales Projekt wurde – das überrascht mich bis heute“, sagt Schäfer, aber: „Es war mehr oder weniger unvermeidbar.“ Und das kam so: Als das „Dr. House Seminar“ als innovative Lehrmethode immer öfter in der Presse auftauchte, zogen verzweifelte Patienten aus ganz Deutschland den Schluss: Ein Arzt, der Studenten beibringen kann, wie man unerkannte Krankheiten diagnostiziert, der ist selbst eine Art „Dr. House“. Auf Jürgen Schäfers Schreibtisch stapelten sich Anfragen über Anfragen von Leuten, die andere Ärzte schon aufgegeben hatten. Und Schäfer sah sich genötigt, zu helfen.

          Da war etwa die Frau mit der schweren Atemnot, die jahrelang erfolglos wegen eines Herzleidens behandelt worden war. Gemeinsam mit einem Pneumologen-Kollegen fand Schäfer heraus, dass in Wirklichkeit eine Papageien-Allergie hinter der ganzen Misere steckte. Bei einer anderen Patientin, die seit Jahren unter Bauchschmerzen und Übelkeit litt, diagnostizierte er gemeinsam mit einem Kollegen aus der Gastroenterologie Lamblien – Parasiten, die sich die Frau von ihrem Hund eingefangen hatte.

          „Es ist nicht so, dass wir hier eine Versammlung von Dr. Houses sind“

          Solche Fälle sorgten dafür, dass Schäfers Medienpräsenz weiter wuchs. Fernsehsender drehten Beiträge über den „Deutschen Dr. House“, Zeitschriften und Zeitungen brachten seine Geschichte. „Nach einem größeren Artikel standen hier sage und schreibe drei Tage lang die Telefone nicht mehr still“, berichtet Schäfer.

          Nun hat er beschlossen, seine Tätigkeit als Diagnostiker für verzweifelte Patienten zu professionalisieren. Er hat ein Team aus Internisten der verschiedensten Disziplinen an der Uniklinik Marburg zusammengestellt: Ein Pulmologe, ein Gastroenterologe, ein Radiologe, ein Neurologe, er selbst als Kardiologe, eine Assistenzärztin und eine Sekretärin arbeiten mit. Was man können muss, um seltenen Erkrankungen auf die Spur zu kommen? Schäfer stapelt tief: „Es ist nicht so, dass wir hier eine Versammlung von Dr. Houses sind“, sagt er. Es brauche vielmehr eine gute Portion Unvoreingenommenheit – viel zu oft würden seltene Erkrankungen einfach nicht in Erwägung gezogen und die Patienten mit rätselhaften Leiden kurzerhand in die Psychosomatik abgeschoben. „Die Kollegen müssen außerdem interdisziplinär arbeiten können und teamfähig sein“, sagt er.

          Ferner sei es wichtig, analytisch zu denken und gute kommunikative Fähigkeiten zu haben. Die Frau mit der Papageien-Allergie etwa sei schon zuvor von anderen Ärzten gefragt worden, ob sie „Vögel besitze“ und habe dies immer verneint. Erst Schäfers Team erkundigte sich nach einem „regelmäßigen Kontakt zu Vögeln“ – und fand heraus, dass die erwachsene Tochter der Dame Papageien besaß, mit denen die Patientin sehr häufig in Berührung kam. Nicht zuletzt helfe den Ärzten die Infrastruktur der Universitätsklinik: „In Zeiten EDV-gestützter Expertensysteme, wahnsinnig sensitiver Labortests und brillanter Bildgebung - und vor allem mit all den Ressourcen an Know-how die wir nun mal haben, lässt sich manches lösen, das andernorts offen blieb“, sagt Schäfer.

          Ein Mix aus erfahrenen und jungen Kollegen

          Wichtig findet der Diagnostik-Spezialist außerdem eine gute Zusammensetzung des Teams: Es müssen sehr erfahrene Kollegen dabei sein, die schon viel gemacht und gesehen haben, aber auch ganz junge Ärzte, die noch viel Forschergeist besitzen. Sie kommen frisch von der Uni und haben noch alle möglichen, auch seltenen Leiden im Kopf präsent. Letztere stünden jedenfalls Schlange, um in Schäfers Team mitarbeiten zu dürfen, berichtet er. „Über Bewerbermangel kann ich mich nicht beklagen.“

          In der Arbeitsweise wird sich Schäfers Team nur darin von anderen Uniklinik-Ärzten unterscheiden, dass ein gesondertes Sekretariat die unerkannten Fälle aufnimmt, ordnet und priorisiert. Und dadurch, dass Schäfers Gruppe sich regelmäßig einmal in der Woche treffen will, um die Fälle zu besprechen und gemeinsam zu analysieren. Im Grunde, findet Schäfer, sollten interdisziplinäre Ärztetreffen an allen größeren Kliniken regelmäßig stattfinden. „Was wir hier machen ist zum Beispiel in der Schweiz schon die Regel. Hierzulande ist es leider die Ausnahme.“

          Weil sein neues Zentrum nur zwei Diagnosebetten zur Verfügung haben wird und auch ansonsten die Kapazitäten begrenzt sind, möchte Schäfers Team wo immer es geht, die Fälle per Telefon bearbeiten oder Patienten aus weit weg gelegenen Regionen an Spezialisten in ihrer Nähe verweisen. Dafür hat er eine Telefonhotline geplant. Die soll freilich auch noch einem anderen Zweck dienen: Nach dem nächsten Zeitungsartikel über den deutschen Dr. House soll nicht wieder tagelang das normale Klinik-Telefon überlastet sein.

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