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Ärzte auf dem Land : Heilen in Höxter

Schnelle Karriere in der Kleinstadt: Christiane Wenkel hat ihre Facharztprüfung noch nicht abgelegt, aber übernimmt schon die Aufgaben einer Oberärztin. Bild: Michael Löwa / F.A.Z.

Ärzte können sich mittlerweile aussuchen, wo sie arbeiten wollen. In sehr vielen Kliniken gibt es offene Stellen. Warum also ins Weserbergland ziehen oder nach Sachsen-Anhalt? Zwei junge Ärztinnen berichten, warum es sie aufs Land verschlagen hat.

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          Von der Ellenbogen-Mentalität in Großstadt-Krankenhäusern hatte Annekathrin Ubl schon die Nase voll, bevor sie überhaupt richtig zu arbeiten angefangen hatte. „Als Medizinstudentin bekommt man ja über diverse Praktika ganz gut mit, wie es an den Unikliniken so zugeht“, sagt sie. „Die Abläufe waren sehr stressig, es gab keine kurzen Dienstwege, es wirkte alles so unkollegial.“ Die heute 27 Jahre alte Medizinerin traf nach ihrem Abschluss eine Entscheidung, die viele ihrer Kommilitonen staunen ließ: Sie ging in eine ländliche Region. Seit einem Jahr ist Ubl Assistenzärztin am Klinikum Burgenlandkreis in Naumburg an der Saale. Der Ort hat rund 30.000 Einwohner, das Krankenhaus 378 Betten, und Annekathrin Ubl fühlt sich rundum wohl: „Die Hierarchien sind flach, das Betriebsklima ist herzlich und Naumburg als Wohnort richtig hübsch - mit historischer Altstadt und viel Grün drum herum.“

          Dass junge Ärzte freiwillig in die Kleinstadt oder aufs Land ziehen, um dort ihre erste Stelle anzutreten, ist selten geworden. Denn mittlerweile können Medizinabsolventen mehr oder weniger frei wählen, wo sie gerne arbeiten möchten. Ärzte sind gesucht, wie selten. Einer Studie des Prognos-Instituts zufolge haben drei Viertel der Kliniken Schwierigkeiten, ihre Stellen im ärztlichen Dienst zu besetzen. In den kommenden fünf Jahren erwarten sie sogar eine deutliche Verschärfung der Lage: Dann rechnen mehr als 90 Prozent der Krankenhäuser mit Engpässen im ärztlichen Bereich.

          Warum also Süd-Sachsen-Anhalt oder Weserbergland, wenn es auch Hamburg, Berlin oder München sein kann? Das fragen sich viele Medizinabsolventen auf der Suche nach der ersten Stelle. Nicht nur die unattraktivere Wohnlage vergällt ihnen den Gang in die Provinz. Kleinere ländliche Kliniken stehen in dem Ruf, personell schon so ausgeblutet zu sein, dass Stress und Überstunden an der Tagesordnung sind. Zudem gilt ein geordneter Verlauf der Facharztausbildung dort als schwierig. Häufig berichten Assistenzärzte darüber, sich hauptsächlich als willkommene Lückenfüller in den Dienstplänen zu fühlen. Zu selten kämen sie an den Stellen zum Einsatz, wo es laut Weiterbildungsplan gerade nötig ist.

          Umfrage zur Stellenbesetzung im Krankenhaus

          „Etliche Krankenhäuser in ländlichen Regionen befinden sich in einem Teufelskreis“, so beschreibt der Krankenhaus-Fachmann Oliver Rong die Lage. Rong leitet beim Beratungsunternehmen Roland Berger den Bereich Gesundheitswesen. „Die Personalsituation auf dem Land führt oft zu schwierigen Arbeitsbedingungen. Und das ist wiederum der Grund, warum immer weniger Ärzte auf dem Land arbeiten wollen.“ Zwar sind die Medizinstudiengänge zum Teil übervoll. Doch längst werden nicht mehr alle Mediziner Ärzte. Etliche Absolventen gehen in die Forschung oder ins Management. Andere ziehen ins Ausland. Die Kliniken müssten gegensteuern, glaubt Rong. „Ärzte leiden etwa häufig unter dem großen bürokratischen Aufwand.“ Der Papierkram kostet viel Zeit, die hinterher für die Patienten fehlt. Dafür lohne es sich, nicht-ärztliches Personal einzustellen, Stationsassistenten etwa, die bei der Dokumentation helfen. „Kluge Arbeitszeitmodelle, Betriebskitas und strukturierte Weiterbildungen sind für Krankenhäuser weitere wichtige Punkte, um für gute Fachkräfte attraktiv zu sein“, sagt Rong.

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