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Ärzte als Einzelkämpfer : Praxis ohne Helfer

Keine Angst: Viele Kinder schätzen es, wenn sie in der Arztpraxis nicht zu vielen fremden Erwachsenen begegnen. Bild: dapd

In Köln schmeißen zwei Kinderärzte ihren Berufsalltag ganz alleine: ohne Sprechstundenhilfen und ohne Putzpersonal. Warum sie das tun, was sie motiviert und was man dafür können muss - ein Bericht über ein ungewöhnliches Praxismodell.

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          Gut 20 Jahre ist es nun her, dass die Kinderärzte Hans-Helmut Brill und Christian Döring ihr ganz eigenes Praxismodell auf einem Ärztekongress vorstellten. „Wir waren jung, ambitioniert und komplett von unserem Plan überzeugt“, erinnert sich Döring. Ihre Idee: Sie wollten eine Kinderarztpraxis eröffnen, die völlig ohne Arzthelfer auskommt. „Die versammelte Ärzteschaft hat uns nach der Präsentation regelrecht ausgelacht“, sagt Döring. Eine Rede auf einem Ärztekongress haben die beiden seither nie wieder gehalten. Ihre Praxis ohne Angestellte jedoch eröffneten sie wenige Monate später in Köln, wo sie bis heute existiert - und funktioniert.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Das Praxismodell beruht hauptsächlich auf einem ausgeklügelten Telefonsystem: Jeden Morgen sitzt einer der Ärzte eine Stunde lang am Schreibtisch und beantwortet alle Anrufe. In dieser Stunde haben Eltern Gelegenheit, Termine für Untersuchungen oder Impfungen auszumachen oder den Arzt über akute Erkrankungen ihrer Sprösslinge zu informieren. Kleinere Ratschläge für den einfachen Schnupfen gibt es dann schon mal per Ferndiagnose. „Weil wir selbst am Telefon sitzen, können wir gut einschätzen, wen wir wirklich in der Praxis sehen müssen und wo wir noch abwarten können“, sagt Döring. Außerhalb der einen Stunde Telefonzeit läuft lediglich ein Anrufbeantworter, auf dem Eltern ihr Anliegen hinterlassen können; das gibt dem Arzt für den Rest des Tages Zeit, ohne ständiges Telefonklingeln die Patienten in der Praxis zu behandeln und Hausbesuche zu machen. Für dringende Notfälle gibt es ein Handy, das einer der Ärzte immer bei sich trägt und beantwortet, tags, nachts, auch am Mittwochnachmittag und am Wochenende. So sparen sich Eltern sogar oft die Fahrt in die Notaufnahme, wenn ein Kind außerhalb der üblichen Arzt-Öffnungszeiten erkrankt.

          Sechs Tage frei, acht Tage Mühlstein

          Weil die ständige Erreichbarkeit anstrengend ist, wechseln sich die Ärzte wochenweise ab: Einer hat sechs Tage am Stück frei, am siebten Tag arbeiten beide gemeinsam und machen abends eine ausführliche Übergabe. „Da sprechen wir über alle schwereren Fälle und diskutieren Diagnosen und Behandlungen“, sagt Döring. Danach ist Schichtwechsel. Der Arzt, der zuvor frei hatte, übernimmt Praxis, Telefon, Papierkram, Hausbesuche und „den Mühlstein“, wie Döring scherzhaft das Notfall-Handy nennt.

          Das System funktioniert vor allem, weil die beiden Ärzte deutlich weniger Patienten aufnehmen als normalerweise üblich. Rund 980 Fälle je Quartal habe eine eine durchschnittliche Kinderarztpraxis über die ersten neun Monate des Jahres 2012 hinweg behandelt, berichtet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Bei Brill und Döring sind es rund 250. Die geringe Fallzahl erlaubt ihnen, größere Zeitfenster für jede einzelne Behandlung einzuplanen. Das freut zum einen die Eltern, die selten ein volles Wartezimmer vorfinden. Und das hilft zum anderen den Ärzten dabei, zwischendurch Zeit zu finden, um Patientenakten zu pflegen, Impfstoffe nachzubestellen und alle sonstigen administrativen Aufgaben zu erledigen. „Wer eine Praxis ohne Arzthelfer plant, muss den Schreibkram gut organisieren, braucht gute Computerprogramme und eine Neigung zum Multitasking“, so beschreibt es Döring. „Wenn ich gerade Rezeptformulare bestelle und das Notfallhandy klingelt, muss ich sofort umschalten.“

          Lieber gar kein Chef sein, als ein ungelernter

          Brill und Döring möchten auch deshalb keine Sprechstundenhilfen haben, weil sie sich nicht für gute Arbeitgeber halten. „Wir haben Medizin studiert, aber nie gelernt, wie man Führungskraft ist“, sagt Döring. „Statt ungelernte Chefs zu sein, wollten wir das Chefsein lieber ganz bleiben lassen.“ Konsequenterweise versagen sich die beiden Ärzte sogar Putzpersonal und wischen und desinfizieren lieber jeden Abend selbst die Praxis. Auf diese Art bleiben die Betriebskosten extrem gering; etwa 10 Prozent machen sie nach Angaben der Ärzte aus. In einer durchschnittlichen Praxis eines niedergelassenen Arztes sind es laut KBV etwas mehr als 50 Prozent. Die niedrigen Aufwendungen wiederum tragen dazu bei, dass die Kinderärzte ihre großzügige Zeitplanung aufrechterhalten können. „Wir müssen nicht in die letzten übrigen fünfeinhalb Minuten immer noch eine Behandlung mehr reinquetschen, um unsere Kosten decken zu können“, sagt Döring.

          Die Ärzte sind außerdem der Meinung, mit ihrem System effizient zu arbeiten: „Wir haben keinerlei Informationsverluste. Wir sprechen immer direkt mit den Eltern darüber, was ihren Kindern fehlt, ohne dass noch weitere Personen zwischengeschaltet sind.“ Die Kinder fänden es zudem sehr angenehm, wenn sie nur mit zwei statt mit vielen verschiedenen fremden Personen in einer Arztpraxis zu tun hätten. Kritik an ihrem Vorgehen hören Brill und Döring trotzdem immer wieder: Ist es wirklich so effizient, dass hochqualifizierte Ärzte Arbeitsstunden zum Putzen und Briefmarkenkaufen aufwendet, statt in dieser Zeit Kinder zu heilen? Solchen Fragen treten Brill und Döring recht entspannt gegenüber. „Wir sind uns völlig bewusst darüber, dass unser Modell nicht für jede Praxis taugt“, sagt Döring. „Wir fordern gar nicht, dass es alle so machen sollen wie wir.“ Sie beide allerdings sind glücklich mit ihrem Arrangement. Nicht zuletzt, weil jeder von ihnen selbst Familienvater ist. „Es stimmt schon, man wird nicht reich von so einer Praxis“, sagt Döring. „Aber wir können gut die Existenz unserer Familien sichern. Und mit sechs freien Tagen am Stück alle zwei Wochen kann man für die eigenen Kinder und anderswo viel Gutes tun.“

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