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Ablehnungen : Von Eisschreiben und Aperitif-Briefen

  • -Aktualisiert am

Absagen auf Bewerbungen sind heutzutage wahrlich keine Seltenheit. Doch es kommt auch immer auf den Stil an, wie Unternehmen ihre Ablehnungen formulieren. Denn viele Arbeitgeber greifen zu unhöflichen Ausdrücken.

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          In ihrem Regal stehen zwei Ordner, prall gefüllt mit Bewerbungsschreiben und Antworten wie diesen: „Es sind über 100 Bewerbungen eingegangen“ und „Leider muß ich Ihnen mitteilen, daß ich mich für jemand anderen entschieden habe“. Der Schriftverkehr, den sie sammelt, beginnt im Jahr 1999, einen dritten Ordner, den sie schon während ihres Studiums angelegt hatte, hat die Berliner Politikwissenschaftlerin inzwischen weggeworfen.

          Sie hatte immer wieder feste Stellen, oft begrenzt auf ein oder zwei Jahre, und suchte zwischendurch nach etwas Neuem. Sie hat in Brüssel, in Luxemburg und in einem Potsdamer Ministerium gearbeitet. Ihre Referenzen sind bemerkenswert, ihr Englisch ist fließend. Trotzdem erhielt die 36 Jahre alte Frau auf ihre Bewerbungen im öffentlichen Dienst und bei Verbänden monatelang Absagen. Die Texte klingen bisweilen so seltsam, daß sie sich fragt, wer sie verfaßt hat. Die Sekretärin? Ein Praktikant? Eines ist klar: Zwar stellen Arbeitgeber in der Regel hohe Ansprüche an die Bewerbungsbriefe, aber bisweilen neigen sie selbst zu Unhöflichkeit und Schlampigkeit.

          Ja, bin ich denn eine Last?

          Besonders schrecklich, das berichten auch andere Bewerber, sind Absagen aus der Verwaltung; ein Standardtext, in die Kopfzeile wird der Name per Hand eingetragen - manchmal fehlerhaft. Der Absender unterzeichnet nur mit seinem Nachnamen, was äußerst unpersönlich wirkt. Daneben der Stempel „beglaubigt“. Formelhaft klingt der Satz: „Zu unserer Entlastung senden wir Ihnen Ihre Unterlagen zurück.“ Ja, bin ich denn eine Last? Vielen Dank auch.

          In der Wirtschaft ist man sich eher bewußt, daß Bewerber auch potentielle Kunden sind. Wer möchte schon gerne die Hose oder das Auto einer Firma kaufen, von deren Personalabteilung man sich gedemütigt fühlt? Auch wissen viele Chefs, daß aufgrund der demographischen Entwicklung in ein paar Jahren ein Mangel an qualifizierten Mitarbeitern herrschen wird. Da wollen sie es sich mit den Talenten nicht verscherzen. Statt Absagen schicken sie sogenannte Eisschreiben - die Bewerber werden „auf Eis gelegt“.

          „Gute Kommunikation ist für uns das A und O“

          Wer dieses Wort erfunden hat, ist unbekannt - es paßt aber hervorragend zur Prozedur. Kühl und kantig ist es und dabei erschreckend elegant. Man zieht sich aus der Affäre. Im Falle eines Stromanbieters hört sich das so an: „Sie denken, daß Sie gut zu uns passen - auch wir sind dieser Meinung (...) Sobald wir einen neuen Kollegen suchen, werden wir uns bei Ihnen melden, versprochen! Solange möchten wir gerne Ihre Bewerbungsunterlagen behalten.“

          Obwohl ihre Unternehmen pro Monat sicher Hunderte Eisschreiben versenden, bringt die Frage nach den Absagen manche Firmensprecher ins Schwitzen. In großen Unternehmen erkranken plötzlich ganze Personalabteilungen und stehen deshalb - leider, leider - für ein Telefonat nicht zur Verfügung. Statt dessen schicken sie Stellungnahmen, aus denen hervorgeht, daß sie mit den Absagen ihr „Einfühlungsvermögen“ und ihre „Wertschätzung“ gegenüber den Bewerbern zum Ausdruck bringen: „Gute und klare Kommunikation ist für uns das A und O.“

          Ursachenforschung nach Absagen wichtig

          Kaum jemand möchte in der Öffentlichkeit als der dastehen, der fortwährend Ablehnungen ausspricht, und erst recht nicht als der, der sie laufend kassiert. Dabei gehören Absagen zum Geschäft. Wohl jeder hat schon eine erteilt und auch eine erhalten. Bewerbungen werden abgelehnt, Projekte in Firmen und Anträge in Behörden. Arbeitsgruppen aufgelöst, und zeitlebens erträgt man, daß Ideen und mühevoll formulierte Vorschläge von anderen verworfen werden.

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