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Aberglaube im Büro : Wenn Horoskope nachhallen

Nicht nur unsichere Naturen sind anfällig

Die Psychologin sieht es übrigens keineswegs als erwiesen an, dass gerade unsichere Naturen für Aberglauben empfänglich sind. „Möglicherweise ist das bei denen etwas stärker ausgeprägt. Aber das hat eher mit Situationen zu tun, bei denen ich mich in Gottes Hand begebe. Es ist ein Versuch, Kontrolle zu bekommen.“

Und es geht letztlich um das Selbstvertrauen. „Um die Frage, wie kann ich das stabilisieren“, sagt Psychologin Stahl. Freimütig berichtet sie, dass sie bei herausfordernden Situationen kleine Gedankenspiele betreibt: „Zum Beispiel sage ich mir, es wird alles gut, wenn ich es schaffe, das Klavierstück fehlerfrei zu spielen. Bekomme ich das hin, dann entwickeln sich auch die Verkaufszahlen meines neuen Buches gut.“

Das Entwickeln von Pseudo-Kausalketten hat der amerikanische Psychologe B.F. Skinner in einem Experiment nachgewiesen. Madeleine Leitner schildert das Experiment mit den „abergläubischen Tauben“: Tauben sitzen in einem Käfig. Nach dem Zufallsprinzip werden Körner in den Käfig geschossen. Es gab keinerlei System, wann die Körnchen kamen. Skinner beobachtete, dass die Tauben im Käfig nach einer Weile anfingen, die verrücktesten Verrenkungen zu machen. Sie hatten offenbar versucht, Hypothesen zu entwickeln, warum sie durch die Körnchen „belohnt“ wurden - nachdem sie vielleicht zufällig den rechten Flügel gehoben hatten oder auf dem linken Bein standen. Und das, obwohl es überhaupt kein Prinzip gab. „Selbst Tiere fangen also an, Hypothesen zu entwickeln, Kausalitäten herzustellen, die nicht vorhanden sind.“

„Kommt drauf an, ob es mir in den Kram passt“

Und nur zu gern blicken auch Menschen hinter den großen Spiegel, auch wenn sie das gern leugnen: Immerhin 87 Prozent der deutschen Frauen und 66 Prozent der Männer lesen ihr Horoskop. Die wischiwaschiweichen Formulierungen, elastisch wie ein Gummiband, taugen nicht zur Orientierung, täuschen aber vor, zugleich Ausrede und Erklärung für Eigenschaften und Macken zu geben. Und hallen nach. So liest der Mann vom Vertrieb, der stolz seinen Hang zur Sachlichkeit pflegt, im Boulevardblatt sein Tageshoroskop.

Glaubt er daran? „Kommt darauf an, wenn es mir in den Kram passt ...“ Bei positiven Ausblicken beflügele ihn, bei düsteren Prognosen ignoriere er „das Geschreibsel“. Denn ihm ist der sogenannte Barnum-Effekt bewusst, der die Austauschbarkeit der zeitlosen Wahrheiten meint. Der amerikanische Zirkusdirektor Phineas T. Barnum hat sich einst gerühmt, mit seinem Programm „ein bisschen was für jeden“ zu bieten. Und in Horoskopen wimmelt es von vagen Begriffen wie Chance oder Herausforderung.

Das alles ist smalltalktauglich, solange es keine grotesken Formen annimmt. So wie bei der Berliner Juristin, deren frisch getrennte Kollegin täglich Horoskopdienste befragt. Da hat sie nun nach Monaten effizienter Zusammenarbeit überraschend festgestellt, dass ihre Zimmernachbarin ihr und ihrem ordnungsliebenden Jungfrauaszendenten diametral entgegengesetzt ist. „Solche Gespräche verbitte ich mir seit neustem energisch“, schimpft die Anwältin und meint polemisch: „Sollen wir demnächst noch die Mandate nach Sternzeichen der Auftraggeber sortieren? Die Akquisegespräche führe ich aber nicht!“

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