https://www.faz.net/-gym-79rbp

Kritik an der Generation Y : Und das soll ich sein?

  • -Aktualisiert am

Alles Radieschenpflanzer! Jan Grossarth möchte nicht dazugehören. Bild: dpa

Die Psychologen, die die Generation Y erfunden haben, zu der angeblich auch ich gehöre, müssen irgendetwas nicht ganz ernst gemeint haben. Jedenfalls will ich nicht Teil dieser Frozen-Yoghurt-mit-Bio-Erdbeersoße löffelnden Radieschenpflanzer sein. Eine Abrechnung.

          2 Min.

          Was für ein Glück, der ersten integren Generation anzugehören, die seit der Schöpfung des Menschen diesen Planeten bewohnt. Wir machen also, anders als unsere Eltern und Großeltern, keine grauen Jobs mehr. Wir sind voller Leben, kümmern uns unisex um die Kinder, statt für die Industrie zu buckeln. Karriere spielt keine Rolle, stattdessen löffeln wir Frozen Yoghurt mit Bio-Erdbeersoße, tragen lustige Beaniemützen und programmieren zwischendurch mal eine Website, wenn uns gerade danach ist. Wir, die Generation Y, sind ferner derart im Besitz unserer inneren Mitte wie auch „werteorientiert“, dass wir Arbeitsverträge aushandeln, die uns mindestens drei Monate im Jahr Zeit für die guten Dinge lassen, für das Ehrenamt, die Sprachreise oder auch das Radieschenpflanzen auf der Verkehrsinsel.

          Das kann ja wohl nicht ernst gemeint sein! Die Generationspsychologen, die jene Generation erfunden haben, zu der auch ich gehöre, haben einen Sinn für Ironie. So wie die Generation selbst. Erscheint diese im wahren Leben nicht gelegentlich ein wenig angepasst, lebenslauffixiert und sicherheitsorientiert? Der karriere-gleichgültige Lebensstil, von dem vielfach die Rede ist, kann vielleicht als doppelter Boden begriffen werden, der eine Absicherung vorhält für diejenigen, die den Ambitionen nicht genügen: „Karriere? Bäh!“ Hinter neuen Werten steckt altes Ressentiment, und die „Gen Y“ spielt auch nicht schlecht auf der Klaviatur moralisierender Verbrämtheit.

          Erben gab es auch schon vor 100 Jahren

          Zweifelsohne wurden nach 1980 viele Leute geboren, die in die Y-Schablone passen. Das sind vor allem die, die es sich leisten können. Aber Erben gab es auch schon vor 100 Jahren. Oder Leute wie Herrn S., eine Gestalt aus meiner Schulzeit, er muss heute mindestens 70 sein: ein alter Lateinlehrer, der sich extrem früh pensionieren ließ wegen Rückenschmerzen, Jahrzehnte Pension bezog, nebenher manchmal Kindern Lateinnachhilfe gab und sonst draußen im Eiscafé zu sehen war. Freizeit- und werteorientiert, ein wenig frech: auch er, Generation Y. Das Selbstbewusstsein konnte er sich leisten. Die Generation Y hat aber noch keinen Mäzen gefunden.

          Der Alltag lässt sich nicht wegschwätzen. Schuften und Müdesein. Garnieren wir nicht die Anpassung an die „moderne Arbeitswelt“, die Kluft zwischen Bilderbuchselbstverwirklichungsjob und dem Alltag in einer notwendigerweise arbeitsteiligen Wirtschaft mit Symbolen der Freiheit wie dem Sabbatical? Damit das Bild von uns, das bei Facebook zu besichtigen ist, nicht so blass ausschaut? Die Erfindung des Selbst ist wirklich ein großes Thema dieser Generation. Selbstdesign, Lebenslaufdesign - wir erfinden uns als spannende Charaktere: überraschend, kreativ, spontan. Zufällig wollen Unternehmen solche Typen. Noch einer Regel im Karrierespiel folgt Gen Y: Du sollst dich nicht binden. Nicht so lang an einem Ort bleiben. Kinder? Na klar, aber nicht jetzt. Nach der Generation Y, sagt man, komme die Generation Z. Und was kommt dann?

          Weitere Themen

          Precire findet einen Käufer

          Umstrittene Technologie : Precire findet einen Käufer

          Einst hatte das Unternehmen Precire für viel Aufsehen gesorgt, weil es mit Künstlicher Intelligenz Sprachanalysen von Bewerbern machte. Dann bröckelte der Ruhm. Nun hat sich ein Käufer für die Technologie gefunden.

          Topmeldungen

          Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in der Kleinstadt Wohlen im Kanton Aargau am 20. Februar 2021

          SVP gegen Corona-Regeln : Die Schweiz, eine Diktatur?

          Die SVP gehört der Schweizer Regierung an. Das hindert die Führung der größten Partei des Landes nicht daran, es wegen der Corona-Politik als Diktatur zu bezeichnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.