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Führungswechsel : 100 Tage Neuland

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

100 Tage haben neue Führungskräfte Bewährung. 100 Tage voller Chancen und Fallen. In München wird gerade ein besonders spannendes Kapitel geschrieben. Peter Löscher kennt Siemens nicht, und Siemens kennt Peter Löscher nicht. Am Montag tritt der neue Chef an.

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          An diesem Montag beginnt für Siemens eine neue Ära. Und für Peter Löscher auch. Zum 1. Juli 2007 übernimmt der 49 Jahre alte Österreicher den Vorstandsvorsitz des zuletzt von Skandalen geplagten Elektronikkonzerns. Das ist eine Sensation mit vielen Unbekannten. Noch nie in der Geschichte von Siemens wurde der Vorstandsvorsitz mit jemandem besetzt, der von außen kam, der bis dahin keinen Tag in dem Unternehmen gearbeitet hat. Die für die Personalie Verantwortlichen hielten nach dem Bekanntwerden von Schmiergeldzahlungen einen unbelasteten Neuanfang für notwendig und nehmen dafür in Kauf, dass dem Neuen der Stallgeruch fehlt. Was nun, Herr Löscher, mag man da fragen. Kein Netzwerk, keine Verbündeten, keine Kenntnisse der internen Abläufe – aber eine Riesenaufgabe. Wie sollen die ersten 100 Tage aussehen?

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Wie Orientierung geben, wenn man orientierungslos ist?

          Das Thema ist nicht nur in München von Bedeutung, denn Jobwechsel in den oberen Etagen sind mittlerweile eher Regel als Ausnahme. Nach einer Untersuchung der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton bleiben Unternehmenslenker in Europa durchschnittlich nur noch 5,7 Jahre im Amt – die kürzeste Frist seit 1998. Im deutschsprachigen Raum sank der Wert von 8,3 auf 4,7 Jahre. Damit sind sie immer häufiger in der brisanten Situation, „der Neue“ zu sein. Und in Gefahr, weil sie in den ersten 100 Tagen die gleichen, in der Regel vermeidbaren Fehler begehen. Dabei ist dieser Zeitraum symbolisch zu verstehen.

          Ein neuer Chef muss eine gute Strategie mitbringen.

          Seit dem amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt, der sich an ebenjenen 100 Tagen messen lassen wollte, hat sich die Spanne als Bewährungsfrist auch für Manager eingebürgert. Schwierig ist sie vor allem deshalb, weil Manager auf neuem Posten vor mehreren Dilemmata stehen. Es wird erwartet, dass sie als Führungskraft Orientierung geben, gleichzeitig brauchen sie selbst Orientierung. Sie sollen eine Unternehmenskultur gestalten und repräsentieren, die ihnen selbst noch fremd ist. Sie sollen den Mitarbeitern Sicherheit vermitteln, sind jedoch selbst noch unsicher.

          Im Siemens-Konzern fasst man diese Herausforderung mit zwei Worten zusammen: aktiv zuhören. Das klingt niedlicher, als es ist, denn vor dem neuen Mann an der Spitze liegt ein Mammutprogramm. Diffizil dabei ist nicht nur die schiere Menge der bevorstehenden Gespräche, sondern auch, wann der neue Chef mit wem wo spricht. Auf die Reihenfolge kommt es ebenso an wie auf den Inhalt und den Ort, damit niemand beleidigt ist. Am Feintuning hat Löschers Entourage in den letzten Tagen immer wieder gefeilt. Der Terminkalender ist zum Bersten voll.

          Raum für private Dinge?

          „Setzen Sie sich frühzeitig mit Ihrem Vorgänger auseinander“, empfehlen Fachleute. Geraten, getan, den bisherigen Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld hat Löscher schon kurz nach seiner Nominierung zu einem Gedankenaustausch getroffen. Nun stehen die Besetzung des Vorzimmers und die des direkten persönlichen Umfelds auf der Agenda. Die Arbeitnehmervertreter muss er kennenlernen, sich für die diversen Landesgesellschafen Zeit nehmen, die Vielfalt der Geschäftsbereiche von Medizintechnik bis Kraftwerke und deren Produkte kennenlernen.

          Er muss das Vertrauensverhältnis mit dem Aufsichtsrat mit Leben füllen, Gespräche mit den Führungsgremien, seinen engeren Mitarbeitern und – auf keinen Fall zu vergessen – mit denen unterer Hierarchiestufen führen. Dabei raten Fachleute, die neue Führungskraft solle die Beteiligten nach Möglichkeit nicht einbestellen, sondern zu ihnen hingehen. Das zeige Wertschätzung und schaffe Vertrauen. In den Medien muss sich der neue Mann präsentieren, was Löscher im Gegensatz zu seinem Vorgänger frühzeitig in Angriff genommen hat – die erste Begegnung mit Journalisten hat schon stattgefunden.

          Vorstellungen in der Bundes-, Landes- und Regionalpolitik stehen ebenso auf dem Programm wie Treffen mit Kunden, Investoren, Aktionären, Lieferanten und Verbandsvertretern und der Besuch der einen oder anderen Fabrik. Damit nicht genug, auch die Fertigungsstätten, Kunden, Zulieferer und Politiker im Ausland wollen den neuen Konzernherrn sehen und sprechen. Nicht zu vergessen: Zum „Kennenlernprogramm“ der ersten Wochen gesellen sich sofort die Routinen wie Vorstandssitzungen oder die Quartalsberichterstattung. Auch da hat der Frühstarter schon Zeichen gesetzt: Die erste Vorstandssitzung hat er bereits vor seinem offiziellen Amtsantritt geleitet.

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