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Britische Universitätsreform : Wenn der Kunde zugleich Produkt ist

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Dem Ökonomismus ausgeliefert: das ehrwürdige Bild der britischen Universität,  hier die Bodleian Library in Oxford
          5 Min.

          Im Vereinigten Königreich tobt ein Richtungsstreit über die radikalen Pläne der regierenden Koalition zum Umbau des Hochschulwesens. Er belastet das Verhältnis der vier Nationen: England steht gegen Schottland, Wales und Nordirland. Schon Ende 2010 berichtete der oppositionelle „Observer“ über „englisches Wutgeheul“, weil sich das walisische Parlament geweigert hatte den Plänen Londons zu folgen. Neuerdings lässt die Polemik des konservativen „ Daily Telegraph“ gegen Schottland aufhorchen. Hier dürfen die Universitäten jetzt die Studiengebühren für englische Studenten weitaus höher ansetzen als für Inländer und EU-Ausländer.

          Damit will Edinburgh verhindern, dass die eigenen Hochschulen von englischen Studenten überflutet werden, die vor den ab 2012 fälligen exorbitanten Studiengebühren Zuflucht suchen. Nach dem Willen der Politik wird also künftig der Grenzfluss Tweed wieder einmal mehr seine historische Rolle als Schicksalsstrom spielen. Diesmal trennt er dann ein kleines Land, das Bildungspolitik für die Bürger treibt und ein großes, das bereit erscheint, ein höchst leistungsfähiges, sozialstaatlich orientiertes Hochschulsystem einem global mit großer Energie vorangetriebenen privatwirtschaftlichen Geschäftsmodell zu opfern.

          Das amerikanische Beispiel

          Erfahrungen mit den Folgen solcher Weichenstellungen liegen inzwischen aus den Vereinigten Staaten vor. Der „Economist“ meldete kürzlich aus Kalifornien, dass die dortigen Universitäten wegen der hohen Studiengebühren als Saldo von Ausschließungs- und Wanderungseffekten „weniger Firmengründer, Erfinder und Steuerzahler“ hervorbringen werden, und wertet dies als ernsthafte Bedrohung der Wettbewerbsfähigkeit des Landes.

          Die Beteuerungen der britischen Regierung, genau dieser Entwicklung durch das Angebot von Studentendarlehen vorzubeugen, wirken, angesichts der Unfertigkeit der vorgelegten Planungen, nicht beruhigend. Man sollte vermuten, dass diese Ungereimtheiten starken Widerspruch hervorrufen, doch zeichnet sich die britische Opposition dadurch aus, dass die Politiker der kleinen Nationen gerne die Gelegenheit nutzen, um das Profil zu schärfen, während in England eine stillschweigende große Koalition besteht: Erneut an der Regierung, würde New Labour, wie auf dem jüngsten Parteitag beschlossen, die Studiengebühren lediglich von 9000 auf 6000 Pfund im Jahr senken.

          Jugend unter Schuldenlast

          Der Anfang der Studiengebühren überhaupt und die inzwischen programmatisch erscheinende Integration des Hochschulministeriums in das Ministerium für Wirtschaft und Innovation rühren bereits von der vorigen Regierung her. Die politische Klasse Englands bevorzugt derzeit eindeutig die Beibehaltung der seit langem feststellbaren überdurchschnittlich hohen Rüstungsausgaben, um den Großmachtstatus der Insel zu wahren.

          Ein Blick zurück zeigt, dass es früher auch anders ging. Die Große Koalition unter Winston Churchill erließ 1944, als der Weltkrieg noch nicht gewonnen, die britische Schuldenlast jedoch enorm war, ein überaus fortschrittliches und durchaus kostspieliges Schulgesetz, das die schulgeldfreie Sekundarstufe bis zum 16. Lebensjahr für alle einführte. In den Jahren der Lebensmittelrationierung ermöglichte man Bildung für alle, heute will man der Jugend für die Bildung Schulden aufbürden, und das in Zeiten einer Jugendarbeitslosigkeit von fast zwanzig Prozent.

          Auf dem Aufbruch der 1940er und 1950er Jahre konnte der gewaltige Ausbau des britischen Hochschulwesens in den 1960er Jahren aufbauen. Die Ausschöpfung der Bildungsreserven des Landes durch einen sozialstaatlich motivierten politischen Konsens bildet die Grundlage für den heutigen international hoch anerkannten Stand des britischen Bildungswesens. Die geplanten einschneidenden Veränderungen haben daher vielstimmigen Widerspruch und vielfältige Proteste in der Zivilgesellschaft hervorgerufen.

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