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Entkolonialisierung : Newton unter Verdacht

Im Fokus der Entkolonialisierer: Isaac Newton Bild: Picture-Alliance

Darwin, Newton oder Linné: Wegbereiter der Naturwissenschaften werden an britischen Hochschulen auf ihre koloniale Schuld untersucht. Auch Maßeinheiten sind davon nicht ausgenommen.

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          Auch die Naturwissenschaften bleiben von dem an britischen Hochschulen um sich greifenden Entkolonialisierungseifer nicht verschont. Die Universität Sheffield hat unlängst ein Handbuch für Dozenten und Studenten der Biologie vorgelegt mit dem Ziel, „rassischer Ungerechtigkeit“ durch das „Nachdenken über die Weißheit und den Eurozentrismus unserer Wissenschaft“ entgegenzutreten. Das Handbuch stellt elf „problematische“ Naturwissenschaftler heraus und erläutert, wie sich ihre fragwürdigen Ansichten auf ihre Forschung niedergeschlagen haben.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          So wird von Charles Darwin behauptet, er habe geglaubt, die Theorie der natürlichen Auslese rechtfertige seine Auffassung von der Überlegenheit der Weißen. Darwins Rivale Alfred Russell Wallace wird ebenfalls auf die schwarze Liste gesetzt, weil er seine Beobachtungen in einem „kolonialen Umfeld“ gemacht habe und in dem unter niederländischer Herrschaft stehenden Gebiet, das heute Indonesien heißt, ethnische Hierarchien aufgestellt habe. Dem als Begründer der Taxonomie geltenden Schweden Carl von Linné wird vorgeworfen, sein Klassifizierungssystem angewandt zu haben, um die menschlichen Rassen in absteigender Reihenfolge zu sortieren.

          Seine Arbeit soll ebenso wie die des Molekularbiologen James Watson, des Genetikers J. B. S. Haldane, des Mathematikers Karl Pearson, des Biologen Thomas Henry Huxley und der anderen als „problematisch“ empfundenen Forscher nur unter Vorbehalt gelehrt werden, als seien kritische Bewertungen bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Naturwissenschaften nicht selbstverständlich. In der Technischen Fakultät derselben Universität wird Isaac Newton im Bestreben, „langjährige bewusste oder unbewusste Voreingenommenheiten“ anzufechten, als möglicher Begünstigter des Kolonialismus bezeichnet. Den Studenten wird nahegelegt, von der Verwendung von Begriffen wie „Gründungsvater“ und „Genie“ abzusehen.

          Maßeinheiten und Imperialismus

          In Oxford, wo man sich ebenfalls um einen weniger eurozentrischen Lehrplan bemüht, denkt die Fakultät für Mathematik, Physik und Lebenswissenschaften über die Entkolonialisierung des imperialen Maßsystems nach, weil es mit der Idee des Empire tief verknüpft sei. Es wird eine „kulturelle Verlagerung“ in Aussicht gestellt. Studenten sollen lernen, ältere Narrative des wissenschaftlichen Fortschritts einzuschätzen und zu revidieren. Auch das ist ein Kerngrundsatz des kritischen Denkens, von dem man meinen würde, es müsse nicht mit politisch korrekter Terminologie ausbuchstabiert werden, zumal die im neunzehnten Jahrhundert für die Gebiete unter britischer Herrschaft standardisierten Maßeinheiten nicht von britischen Imperialisten ersonnen wurden, sondern im Großen und Ganzen angelsächsischer oder römischer Herkunft sind.

          Nach den neuen Kriterien sind fast alle Maßeinheiten imperialistisch, seien es die altrömischen oder das von Napoleon eingeführte metrische System. An dem oft als Herz des Empire bezeichneten Trafalgar Square in London sind Bronzetafeln in Mauer und Boden eingelassen, auf denen 1876 die imperialen Längenmaße verzeichnet wurden. Womöglich werden sie demnächst ebenfalls mit einem „Caveat“ belegt.

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