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Brexit-Tagung : Ich bin kein Engländer, aber Brite

Unter den Mitbürgern, welche dieselbe nationale Selbstbezeichnung vorziehen wie sie, ist Gisela Stuart in der Brexit-Frage in der Minderheit. Der Politologe Michael Kenny (Cambridge) erörterte auf der Tagung die Hypothese, dass die Renaissance oder auch die um Jahrhunderte verzögerte Geburt eines englischen Nationalismus der Schlüssel zum Referendum sei, und erwähnte ein Umfrageergebnis, wonach unter Wählern, die ihre Identität als „britisch, nicht englisch“ angeben, nur 38 Prozent für den Brexit sind und 62 Prozent dagegen. In der Gruppe derer, die sich spiegelverkehrt als „englisch, nicht britisch“ definieren, ist das Verhältnis 72 zu 28. Ein noch besserer Indikator des Abstimmungsverhaltens ist der Bildungsgrad. Dass im Universitätspersonal die Ablehnung des Austritts noch einmal stärker vertreten ist als unter den Universitätsabsolventen, wurde auf der Tagung nicht mit einer Zahl belegt, ist aber wahrscheinlich. In der Schlussdiskussion blickte der Wirtschaftshistoriker Jim Tomlinson (Glasgow) im Tagungsraum umher und sagte: „Ich bin wohl der Einzige hier, der für den Austritt gestimmt hat. Und das war 1975.“

Regierung durch Palaver

Wissenschaftler, die wie ein Kreis um den Frankreichhistoriker Robert Tombs aus Cambridge Argumente für den Brexit verbreiten, waren nicht unter den Referenten. Vielleicht saßen den beiden Brexit-Apologeten auf dem Akademiepodium gerade deshalb keine Parteileute der Gegenseite gegenüber, sondern zwei Deutsche, deren berufliche Sache die Vermittlung zwischen Deutschland und Großbritannien ist, Andreas Gestrich, der Direktor des DHI, und Philip Oltermann, der Berliner Büroleiter der Londoner Zeitung „The Guardian“. Oltermann erzählte, ihn habe wenige Tage vor der Abstimmung am 23. Juni 2016 aus der Zentralredaktion die Nachricht erreicht, Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande wollten nach London fliegen, um sich mit einem Appell an das Abstimmungsvolk zu wenden, nach dem Vorbild der Liebeserklärung der englischen Spitzenpolitiker an die Schotten vor dem schottischen Referendum 2014. Eine solche rhetorische Intervention wäre wohl kontraproduktiv gewesen, obwohl laut Christina von Hodenberg (London) antideutsche Topoi in der Kampagne der Boulevardpresse nicht prominent waren. Für Oltermann erhellt das Gerücht unterschiedliche Erwartungen an den Stil der Politik: Die britische Regierung macht „policy by speechmaking“, durch öffentliche Darlegung von Programmen in mündlicher Rede.

Der Historiker Lord Macaulay brachte die Parlamentsherrschaft, die durch den Brexit zurückgewonnen werden soll, auf die Formel des „government by discussion“. Regierung durch Palaver: widersinnig für ein kontinentales politisches Denken, das beim Befehl ansetzt. Doch ebenso befremdlich ist für eine parlamentarische Nation der Brüsseler Politikstil der Tischvorlagen, die in alle Sprachen übersetzt werden, aber das Entscheidende mutmaßlich ungesagt lassen. Wie der Kontrast konstitutioneller Arrangements Unterschiede des politischen Geschäftsablaufs bedingt, führte Dominik Geppert (Bonn) vor Augen. Andreas Wirsching, der Direktor des IfZ, sah sich als Moderator der Podiumsdiskussion zum Eingreifen im Modus der diskreten Rückfrage veranlasst, als Sir Paul Lever in seinem Schreckensszenario der allen englischen Vorstellungen hohnsprechenden Umbaupläne der Union den Punkt erreichte, dass der Spitzenkandidat der stärksten Partei Kommissionspräsident werden solle. Werde der britische Premierminister, warf Wirsching ein, denn nicht nach demselben Prinzip ausgewählt? Die Parlamentarisierung der EU, die von den Briten abgelehnt wird, wäre so gesehen eine Staatswerdung nach britischem Vorbild.

Demokratische Entscheidungen sind unvollendete Tatsachen, deren psychologische Voraussetzungen erst im Nachhin- ein Gestalt annehmen. Anzeichen für eine solche Rückwirkung des Ereignisses gibt es. Kenny berichtete, viele Liberale wollten nach dem Brexit keine Engländer mehr sein, nur noch Briten. Die Polarisierung des Referendums erweist sich als Prophetie, die sich in der Lebenswelt erfüllt. Der unproblematischen supranationalen Identität Gisela Stuarts steht die Probe noch bevor.

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