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New Work bei Bosch : „Wir honorieren Engagement“

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Als Geschäftsführer treibt Christoph Kübel den Wandel bei Bosch voran. Bild: Bosch GmbH

Ein Gespräch mit Christoph Kübel, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor bei Robert Bosch, über den Wandel in der Arbeitswelt und was sein Unternehmen Berufseinsteigern bietet.

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          Herr Kübel, wie macht sich der Wandel in der Arbeitswelt bei Bosch bemerkbar?

          Als innovatives, international aufgestelltes Unternehmen macht sich der Wandel bei uns sehr positiv bemerkbar. Wir haben mittlerweile mehr als 25.000 Softwareexperten im Haus, das ist viel Kompetenz, um neue, vernetzte Lösungen umzusetzen und in den Markt zu bringen. So können wir auch eine Vielzahl von neuen Geschäftsfeldern bedienen. Zum Beispiel verleihen wir über unser Tochterunternehmen Coup Elektroroller in Berlin, Paris und Madrid. Mit unserer neuen Geschäftseinheit Bosch Connected Industry wollen wir das Potential der vernetzten Fertigung optimal nutzen. Schon heute sind relevante Produktionsdaten über mobile Endgeräte schneller abrufbar, was zu einer erhöhten Produktivität der Maschinen führt. Das stärkt unsere Wettbewerbsfähigkeit und die unserer Kunden.

          Die Digitalisierung hat das Entwicklungs­tempo in den vergangenen Jahren immer weiter beschleunigt. Sehen Sie hier ein Ende?

          Nein, im Gegenteil: Dynamik und Geschwindigkeit werden weiter zunehmen. Daher ist es wichtig, zu überlegen, wie wir damit umgehen. Was für eine Organisation brauchen wir? Wie stellen wir die Teams so auf, dass sie auf die Anforderungen von Markt und Kunden schnell und flexibel reagieren können? Gerade in kreativen Bereichen, wie etwa in der Produktentwicklung, haben wir heute schon zahlreiche Teams, die sich selbst organisieren.

          Wie muss man sich das genau vorstellen?

          In Projekten wie dem automatisierten Fahren ändern sich während der Entwicklung häufig die Anforderungen an Hard- und Software. Hier brauchen wir die Kraft und Intelligenz agiler Teams, die sich selbst organisieren und funktionsübergreifend besetzt sind. Die Führungskraft übernimmt dabei die Rolle eines Coachs, eines „Befähigers“, der den Mitarbeitern hilft, zu guten Ergebnissen zu kommen. Einer, der Probleme aus dem Weg räumt, der viel besser als früher Zusammenhänge kommuniziert und der den Sinn der Aufgaben vermittelt. Dabei gilt es, mit Wertschätzung und Vertrauen in die Teams hineinzuhören und weniger als früher selbst zu entscheiden.

          Inwieweit beeinflussen die so oft als Treiber der Unternehmenskultur benannten Digital Natives diese Entwicklungen überhaupt?

          Die Treiber sind vielfältig. Wenn ich mit Digital Na­tives spreche, merke ich, dass sie einen ganz anderen Lebensentwurf haben als ich vor 30 Jahren. Früher stand die Firma im Mittelpunkt. Heute ist die Zahl an Interessen groß – gerade im privaten Bereich mit Familie und Hobbys. Am liebsten wollen die jungen Leute sich allem mit gleicher Intensität widmen. In dem Sinne sind junge Mitarbeiter Treiber einer flexibleren Arbeitskultur. Ein weiterer Treiber sind natürlich die Unternehmen selbst. Ein innovatives Unternehmen wie Bosch will weiter vorankommen. Wir sind überzeugt, dass flexible Arbeitsbedingungen die Innovationskraft des Unternehmens steigern, da sie die Zufriedenheit der Mitarbeiter erhöhen. Viele Ideen und Innovationen entstehen außerdem nicht am Schreibtisch. Um die Kreativität zu fördern, arbeiten wir nach Design-Thinking-Prinzipien und ermöglichen mobiles Arbeiten von überall. Im Forschungs- und Entwicklungsbereich können unsere Mitarbeiter zehn Prozent der Arbeitszeit als „Concept Time“ nutzen. In dieser Zeit arbeiten die Kollegen nicht an aktuellen Aufgaben, sondern fokussieren sich auf eigene Ideen. Diese Herangehensweisen zahlen zugleich auf unsere Arbeitgeberattraktivität ein.

          Was muss man jungen Mitarbeitern darüber hinaus bieten?

          Da kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Meine drei Kinder sind derzeit Studenten und stellen sich natürlich wie viele junge Leute die Frage, ob es sinnvoller ist, in einem Start-up anzufangen oder in einem Großunternehmen. Die eigentliche Frage ist aus meiner Sicht jedoch eine andere: Mit welchem Unternehmen kann ich mich am besten identifizieren? Welches Unternehmen passt zu meiner Werte-
          orientierung? In welchem Unternehmen kann ich etwas bewegen, indem ich relevante Probleme der Menschen löse? Wo kann ich selbstbestimmt arbeiten und meine Fähigkeiten am besten einbringen?

          Welche Konsequenzen leiten Sie daraus für Bosch als Arbeitgeber ab?

          Wir sind einerseits ein Unternehmen mit mehr als 130 Jahren Geschichte. Auf der anderen Seite verfolgen wir den gleichen Anspruch wie ein Start-up, wenn es um Gestaltungsmöglichkeiten und die Sinnhaftigkeit der eigenen Arbeit geht. Wir stellen den Sinn der Arbeit in den Mittelpunkt, denn wir wollen mit unseren Produkten die Lebensqualität der Menschen verbessern und Ressourcen schonen.

          Sie sprechen von mehr Verantwortung des Einzelnen und flexiblen Rahmen­bedingungen. Wie sehen die Arbeitszeitmodelle bei Bosch aus?

          Bei Bosch haben wir über 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle. Das geht von wenigen Stunden in Teilzeit über Jobsharing bis zu einem ganz normalen Fulltime-Job. Zu welchen Tageszeiten man arbeitet und von wo aus, kann man in der Regel selbst bestimmen. Wir haben heute keine Präsenzkultur mehr, sondern das Ergebnis steht im Vordergrund. Das heißt, die Mitarbeiter können von zu Hause, im Büro oder auch vom Café aus arbeiten und so Privates und Arbeit bestmöglich in Einklang bringen. Auch im Bereich Forschung und Entwicklung gibt es Themen, die man von zu Hause aus erledigen kann. Und doch nutzen viele Mitarbeiter die Möglichkeit, mit den Kollegen vor Ort persönlich in Kontakt zu kommen. Am neuen Forschungscampus in Renningen, der mit einem See und Kreativbereichen besonders attraktiv ist, haben wir Forscher und Entwickler aus vielen verschiedenen Disziplinen und Bereichen zusammengezogen. Wir haben eine Atmosphäre geschaffen, in der konzentriertes Arbeiten und kreativer Austausch mit anderen möglich sind. Zudem haben wir eine Sporthalle, in der sich die Mitarbeiter fit halten können.

          Eine offene Architektur und Kreativbereiche sollen die Unternehmensattraktivität weiter steigern.

          Welche Bedeutung hat das vernetzte Arbeiten für Ihre Mitarbeiter schon heute?

          Die Erfahrung zeigt, dass die Mitarbeiter im Durchschnitt vier bis viereinhalb Tage vor Ort in den Teams sind, um sich persönlich auszutauschen. Es gibt natürlich auch Veranstaltungen oder Meetings, die besucht, und Präsenzzeiten, die eingehalten werden müssen. Teambesprechungen und Innovationsworkshops werden entsprechend kommuniziert. Insgesamt kann man sagen, dass die Zusammenarbeit nicht nur innerhalb der Teams, sondern innerhalb des Unternehmens an Bedeutung gewinnt. Wir arbeiten nicht mehr nur in einzelnen Gruppen zusammen, sondern auch geschäfts- und fachbereichsübergreifend. Um die Zusammenarbeit zu fördern, schulen wir unsere Mitarbeiter in virtueller Zusammenarbeit, haben eine eigene Social-Business-Plattform mit mehr als 200.000 aktiven Nutzern und haben vor zwei Jahren beschlossen, die individuelle Zielerreichung nicht mehr in die Berechnung der jährlichen Bonuszahlung einfließen zu lassen. Stattdessen beteiligen wir alle Mitarbeiter nach der gleichen Systematik am Bosch-Ergebnis. Wir honorieren das Engagement im Team und fördern so die Zusammenarbeit.

          Medien berichten viel darüber, dass durch die Digitalisierung mehr Jobs verschwinden als neue entstehen werden. Wie ist Ihre Einschätzung?

          Ich habe ein differenziertes Bild: Einerseits werden dort, wo wir Vernetzung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz erfolgreich integrieren, eher einfache Aufgaben wegfallen. Andererseits werden durch neue Geschäftsmodelle und auf innovativen Feldern neue Aufgaben entstehen – insbesondere im hochqualifizierten Bereich. Ich denke zum Beispiel an die vernetzte Fertigung. Gleichzeitig wollen wir den Wandel in der Mobilität gestalten. Aus diesem Grund investieren wir pro Jahr rund 400 Millionen Euro in die Elektromobilität. Auch durch Investitionen in das automatisierte Fahren schaffen wir viele neue Arbeitsplätze. Zusätzliche Jobs werden zudem bei den Mobilitätsdienstleistungen oder in neuen Bereichen wie Smart Farming und Smart City entstehen. Für uns gilt: Wir wollen die Digitalisierung und den Wandel der Mobilität als Chance nutzen und so die Zukunft erfolgreich gestalten.

          Das Interview führte Julia Hoscislawski.

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