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Besoldungsurteil : "Es sollte nur noch eine Kategorie von Professoren geben"

Kläger Bernhard Roling sagt, er habe nichts gegen leistungsbezogene Bezahlung, sie müsse aber verlässlich sein. Bild: dpa

Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt: Bernhard Rolings Gehalt ist zu niedrig. Der Chemieprofessor der Universität Marburg erklärt, was seine Klage bezwecken sollte.

          3 Min.

          Fühlen Sie sich nach Ihrem Erfolg in Karlsruhe als Robin Hood der unterbezahlten Professoren?

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nein. Es gibt ja noch andere Kläger, die sich an die Verwaltungsgerichte gewandt haben. Ich war nur zufällig der Erste, dessen Fall vom Bundesverfassungsgericht behandelt wurde.

          Was war Ihr Motiv für die Klage?

          Ich kam als Nachwuchswissenschaftler von einer befristeten Stelle und hatte das Pech, dass ich als einer der Ersten unter die neue W-Besoldung fiel. Das damalige Präsidium hat am Anfang eine sehr harte Linie gefahren: Erstberufenen, die vorher befristete Verträge hatten, wurde im Wesentlichen nur das Grundgehalt angeboten. Das habe ich als hochgradig ungerecht empfunden. Schließlich bin ich dort aus meiner Sicht mit guten Vorleistungen angetreten, sowohl was Publikationen und Drittmittel anging als auch hinsichtlich der Leistungen in der Lehre. Aber es gab weder eine auf Vorleistungen basierende Begründung des Präsidiums für das Gehaltsangebot noch irgendeine Art von Zielvereinbarung.

          Wie wichtig war Ihnen bei der Betrachtung Ihres Gehalts der Vergleich mit anderen Akademikern?

          Solche Überlegungen stellt man schon an. Wir haben hier an der Universität Kollegen im Mittelbau, Akademische Räte und Oberräte, die mitunter mehr verdienen als ein Professor auf einer W2-Stelle. Das halte ich nicht für angemessen, und die meisten Akademischen Räte, mit denen ich darüber gesprochen habe, sehen das auch so.

          Hat der Professorenberuf in der Gesellschaft generell an Ansehen verloren?

          Das glaube ich nicht.

          Das Karlsruher Urteil hat viel Zustimmung bekommen, aber es gab auch einige kritische Stimmen. Aus der Leitungsetage einer Hochschule war der Satz zu hören: Das ist ein Sieg für jene, die etwas gegen leistungsbezogene Bezahlung haben.

          Da würde ich widersprechen. Die Klage richtete sich nicht gegen eine Leistungskomponente in der Besoldung. Es ging zum einem um angemessene Grundgehälter, aber auch um einen Rechtsanspruch auf die Gewährung von Leistungszulagen unter klar definierten Voraussetzungen. Es müsste etwa bei einer Erstberufung einen Anspruch auf eine differenzierte Beurteilung der Vorleistungen geben. Auch auf die sogenannten besonderen Leistungszulagen, die die Leistung auf der neuen Stelle widerspiegeln, hat bisher niemand einen Rechtsanspruch. Das Präsidium kann zum Beispiel entscheiden, Kollegen keinen Zuschlag zu gewähren, weil gerade ein exorbitant teurer Professor berufen wurde.

          Vermissen Sie die C-Besoldung mit ihren Dienstaltersstufen?

          Nein, ich denke, dorthin führt kein Weg zurück. Es geht darum, das jetzige System zu verbessern. Eine der wichtigsten Überlegungen ist hierbei, wie man die Leistung eines Professors beurteilen will. Ein Verfahren wie an den Max-Planck- und Helmholtz-Instituten mit externer Begutachtung durch ein Team von Wissenschaftlern wäre sehr aufwendig. Viel einfacher ist es natürlich, Publikationen zu zählen und Drittmittel zusammenzurechnen. Aber spiegelt das eine wissenschaftliche Leistung wider? Ich würde sagen: Nein, das greift zu kurz. Außerdem führen reine Zahlenspiele zu vollkommen falschen Leistungsanreizen, wie beispielsweise dem Aufteilen der erzielten wissenschaftlichen Ergebnisse auf immer mehr einzelne Publikationen und der Veröffentlichung immer marginalerer Ergebnisse.

          Hessen muss die Besoldung jetzt neu regeln - entweder es wird ein höheres Grundgehalt gezahlt, oder es gibt mehr Leistungszulagen. Was wäre für Sie der richtige Weg?

          Ich würde dafür plädieren, dass es wie in Baden-Württemberg nur noch eine Kategorie von Professoren geben sollte. Wenn man sowieso individuell nach Leistung bezahlt, macht die Unterscheidung zwischen W2 und W3 keinen Sinn. Wie man das vorhandene Geld zwischen Grundgehalts-Topf und Leistungszulagen-Topf aufteilt, sollte auch davon abhängen, welchen Aufwand man für die Leistungsbeurteilung betreiben möchte. Je fundierter und differenzierter die Beurteilung, desto mehr Geld könnte man in den Zulagen-Topf hineinpacken.

          Und das Grundgehalt sollte dann nahe am jetzigen W3-Gehalt liegen.

          Ja. Wobei das jetzige W3-Grundgehalt immer noch rund 600 Euro niedriger ist als das frühere C3-Gehalt in der höchsten Altersstufe. Es bleibt also genügend Spielraum für Leistungszulagen.

          Sehen Sie die Möglichkeit, die Neuregelung kostenneutral nach dem Robin-Hood-Prinzip zu gestaltenvon den reichen Professoren nehmen und den ärmeren Kollegen geben?

          Bei der C-Besoldung konnte in besonderen Fällen schon ein Gehalt in der Größenordnung eines Staatssekretär-Gehaltes gezahlt werden. Es gab also ganz klar leistungsabhängige Bezahlung im C-System. Wenn man nun meint, um Koryphäen aus dem Ausland berufen zu können, noch höhere Gehälter zahlen zu müssen, oder wenn man davon ausgeht, dass sich die Zahl der sehr teuren Berufungen erhöhen wird, dann muss man mehr Geld in das System stecken - denn es kann ja nicht sein, dass nach einer extrem teuren Berufung zehn Kollegen, die auch sehr gut sind, gar keine Zulagen mehr bekommen. Aber es war nicht Ziel unserer Klage, dafür zu sorgen, dass Professoren insgesamt mehr verdienen. Die Durchschnittsgehälter in Deutschland halte ich für durchaus angemessen.

          Als Chemiker würden Sie in der Industrie vermutlich weit besser verdienen als an der Universität. Haben Sie je erwogen, in die freie Wirtschaft zu gehen?

          Nein, nicht ernsthaft. Mein Ziel war immer, an einer Hochschule oder einem Forschungsinstitut zu arbeiten.

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