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„Hausberufung“ in Halle : Ein Fall von übertriebener Nachwuchspflege

Wer wacht über die Wächter der akademischen Freiheit? – Die Zentrale Kustodie am Universitätsplatz in Halle dient als Hauptgebäude der Universität. Bild: akg-images / euroluftbild.de / M

Die Spielräume akademischer Protektion sind schon groß genug: Im Berufungsskandal der Politikwissenschaft in Halle musste das Verwaltungsgericht einschreiten.

          7 Min.

          Wie misst man die Qualität „qualitativer Parlamentsforschung“? Als Sachwalterin dieses besonderen Spezialgebiets der an der Universität Halle betriebenen Politikwissenschaft trat am 27. August im Wissenschaftsausschuss des Landtags von Sachsen-Anhalt Petra Dobner auf, Professorin der Politikwissenschaft und Dekanin der Philosophischen Fakultät I. Gemeinsam mit dem Rektor der Martin-Luther-Universität, Christian Tietje, versuchte sie den Ausschuss davon zu überzeugen, dass bei der Neubesetzung des Lehrstuhls für Regierungslehre und Policyforschung alles mit rechten Dingen zugegangen war.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Demnach hatte man die allerbesten Gründe gehabt, die Fortsetzung der von der ausscheidenden Lehrstuhlinhaberin Suzanne Schüttemeyer in Halle etablierten Spezialisierung als entscheidende Vorgabe in die Ausschreibung hineinzuschreiben. Und man hatte sodann den gemäß den Kriterien der so formulierten Ausschreibung allerbesten Kandidaten gefunden – der in Halle 2007 von Schüttemeyer promoviert worden war und dort nach erfolgreicher Habilitation unter dem Dekanat Schüttemeyers am 5. Februar 2018 die Lehrbefugnis erhalten hatte, sieben Wochen bevor er die Bewerbung um den Lehrstuhl einreichte, an dem er von 2007 bis 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter gewesen war.

          Von der quantitativen Parlamentsforschung soll sich die qualitative durch einen Sinn für das Unwägbare auch in dem Sinn unterscheiden, dass sie ein Interesse für das Informelle pflegt, für die persönliche Seite der Institution. Wie Teilnehmer an der nichtöffentlichen Sitzung des Ausschusses berichten, brachte die Dekanin Dobner es fertig, die Abgeordneten schon mit ihrer Wortwahl zu irritieren. Sie tat die in der Öffentlichkeit geäußerte Kritik als emotional ab und musste sich ihre eigene Emotionalität vorhalten lassen, da sie die Kritiker als Brandstifter bezeichnet hatte. Der Ausschuss vertagte sich, um die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Halle über die vom Zweitplazierten erhobene Konkurrentenklage abzuwarten.

          Offenbar Verzicht auf Rechtsmittel

          Hans-Joachim Tillschneider, hochschulpolitischer Sprecher der AfD und im bürgerlichen Vorleben Islamwissenschaftler im Mittelbau der Universität Bayreuth, gab die Prognose ab, dass das Gericht der Klage stattgeben werde. Es gebe einen Ring von Indizien, die es auch dem Nicht-Politikwissenschaftler erlaubten, den Nepotismus zu erkennen. Die auffälligsten Indizien sind quantitativ: Der Berufene hat weniger publiziert als seine Konkurrenten, und die meisten seiner Aufsätze sind in der Zeitschrift erschienen, die seine Lehrerin Schüttemeyer herausgibt und deren Redaktion er seit 2013 angehört. Tillschneider hat recht behalten: Das Verwaltungsgericht hat der Universität mit Beschluss vom 29. September untersagt, den Lehrstuhl ohne neue Auswahlentscheidung zu besetzen. Von der Möglichkeit, Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht einzulegen, will die Universität anscheinend keinen Gebrauch machen.

          Eindeutig ist das ihrer beschönigenden Pressemitteilung allerdings nicht zu entnehmen. „Das Gericht stellt in seinem Beschluss fest, dass der Kandidat, an den der Ruf auf die Professur ergangen ist, geeignet ist und es sich bei dem Verfahren nicht um eine unzulässige Hausberufung handelt.“ Nur der zweite Halbsatz ist richtig. Das Gericht musste die Eignung des Berufenen nicht prüfen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass das Auswahlverfahren unfair war. Auf Nachfrage dieser Zeitung konnte die Universität nicht angeben, auf welche Stelle des Beschlusses sich die Behauptung bezieht, dass das Gericht die Eignung des Erstplazierten festgestellt habe. Der Rektor ist Jurist, Professor für Öffentliches Recht. Es ist bemerkenswert, dass er eine solche vernebelnde Darstellung autorisiert.

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