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Berufsimage : Geographen machen Boden gut

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Expansion in die berühmte Altstadt von Stralsund: Auch hier soll es eine Edekafiliale geben. Bild: ZB

Lange waren sie als Erdkundelehrer abgeschrieben. Auch im Einzelhandel. Heute entscheiden Geographen, wo Edeka, Rewe und Co. eine neue Filiale eröffnen.

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          Marius Albrecht und Heino Schmidt stehen am Hang. Und das ist schlecht. Das sieht selbst der 25 Jahre alte Albrecht, obwohl er erst seit zwei Tagen in der Expansionsabteilung der Edeka Minden-Hannover Immobilien-Service GmbH im Praktikum ist. "Hier einen neuen Standort aufzumachen wäre teuer", erklärt Heino Schmidt. Er ist Geschäftsführer der Abteilung und Albrechts 52 Jahre alter Mentor.

          Will Edeka dort bauen, wo Albrecht und Schmidt stehen, müsste sie Erde aufschütten oder abtragen lassen. Und jedes Mal, wenn etwas baulich verändert werden muss, zum Beispiel wenn der Geschäftsführer den Parkplatz erweitern wollte, kämen große Kosten auf das Unternehmen zu.

          Standortplanung: Nackte Marktzahlen sind nicht alles

          "Das Praktikum ist das genaue Gegenteil zum Studium", sagt Albrecht, der an der Universität Hannover den Bachelor-Studiengang Geographie studiert. "Nicht theoretisch, sondern Geographie zum Anfassen. Es gibt so vieles, was man auf den Karten nicht sieht." Und das kann bei einer Standortanalyse im Einzelhandel den Ausschlag geben.

          Naturräumliche Gegebenheiten nennen Einzelhandelsexperten die Faktoren, die es bei der Suche nach einem neuen Standort neben den nackten Marktzahlen ebenfalls zu berücksichtigen gilt. Und weil Betriebswirtschaftler dafür nur selten ein Auge haben, haben die Wirtschaftsgeographen in den Expansionsabteilungen der Einzelhandelsketten im wahrsten Sinne des Wortes Boden gutgemacht.

          Langsam findet ein Imagewandel statt

          "Früher wusste in der Wirtschaft niemand, was drin ist, wenn Geograph draufsteht", sagt Heiner Schote, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Verbands für angewandte Geographie. "Dann kam die Wiedervereinigung, und es wurden händeringend Leute gesucht, die neue Standorte planen konnten." Aber nicht nur die Arbeitgeber wussten lange nicht, was sie von Geographen erwarten konnten.

          "Wir haben allgemein immer dieses Lehrerimage", sagt Stefan Meessen, der an der RWTH Aachen zunächst den Bachelor in angewandter Geographie und dann den Master in Wirtschaftsgeographie absolviert hat. Als seine Eltern ihn besorgt fragten, was er mit diesem Studium mal werden wolle, hatte er eine Antwort parat. Und die klang plausibel: "Irgendjemand muss doch McDonald's sagen, wo sie die nächste Burgerbude aufmachen sollen." Heute, zwei Jahre nach Abschluss seines Studiums, arbeitet Meessen in der Expansionsabteilung der Baumarktkette Praktiker.

          Die geographische Handelsforschung ist besonders praxisnah

          Ganz so klar wie Meessen war Marius Albrecht der Weg in die Standortplanung nicht. Sein Geographiestudium in Hannover ist vor allem auf die Beratung von Unternehmensgründungen zugeschnitten. Dass er heute mit seinem Mentor Heino Schmidt am Hang steht, verdankt er einem Methodenseminar, in dem er geographische Informationssysteme auf den Immobilienmarkt anwenden sollte.

          Anstelle von räumlichen Theorien ging es dort zum ersten Mal um Daten, mit denen er konkret arbeiten konnte: Albrecht lernte Einwohnerzahlen und Kaufkraft in digitalen Karten grafisch darzustellen und auszuwerten. "Da habe ich zum ersten Mal eine gewisse Praxisnähe im Studium gespürt und konnte mir einen konkreten Beruf vorstellen. Anfangs wusste ich nicht, was ich mit meinem Geographiestudium anfangen sollte."

          „An Spannung nicht zu überbieten“

          Jetzt sieht er alles ganz deutlich. Vor allem die Schräglage, hier am Hang. Die Verhandlungen ziehen sich hin. Die alte Edeka-Filiale in der Nähe muss geschlossen werden, und nun soll ein anderer Standort her. Die Stadt möchte für ihre Einwohner attraktiv bleiben und die Handelskette als Investor nicht verlieren. Der Besitzer preist sein Grundstück an. Aber Albrecht und Schmidt stehen am Hang. Da kann höchstens der Preis die geographischen Höhenunterschiede glätten.

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