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Frauen als Ingenieurinnen : Die Sinnsucherinnen

  • -Aktualisiert am

Expertin für Big Data: Die 26-jährige Angelika Salomon hat sich schon in ihrer Schulzeit für Informatik interessiert. Bild: Robert Ruidl

Trotz ausgezeichneter Jobaussichten scheuen junge Frauen den Schritt in einen Ingenieurberuf. Dabei ist er gar nicht so schwer. Wir stellen zwei Berufseinsteigerinnen vor.

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          Es ist keine Neuigkeit: Der Frauenanteil in technischen Berufen wächst langsam. Die Ursachen sind vielfältig: Es gibt kaum weibliche Vorbilder und auch der hohe Männeranteil zum Beispiel an den Hochschulen wirkt auf viele junge Frauen oftmals abschreckend. Doch wer sich von diesen „Widrigkeiten“ nicht beirren lässt, den erwarten ausgezeichnete Jobaussichten, eine gute Bezahlung und Aufgaben mit oft hoher Relevanz für Mensch und Umwelt.
          Das kann Angelika Salomon bestätigen. Die junge Wirtschaftsinformatikerin ist Spezialistin für Datenanalyse und arbeitet seit Januar bei dem Technologieunternehmen Continental. Der Schwerpunkt ihrer Abteilung ist das automatisierte Fahren. „Damit Autos automatisiert fahren können, brauchen sie eine Vielzahl von Daten. Diese bekommen sie zum Beispiel von den eigenen Sensoren, aber auch von anderen Fahrzeugen“, erklärt Salomon. Sie selbst arbeitet in einem Team, das sich um die passende Verarbeitung dieser Informationen kümmert.

          Big-Data-Analysen im Berufsalltag

          Schon heute gleichen Autos wandelnden Computern mit unzähligen Assistenzsystemen, die uns mehr und mehr lästige Aufgaben abnehmen. Ein gutes Beispiel dafür sind die inzwischen weitverbreiteten Einparkassistenten. Mit
          Ultraschall- oder Radarsensoren suchen moderne Autos schon während der Fahrt nach passenden Parklücken. Erkennt das System einen Parkplatz, wird der Fahrer informiert. Er kann dann den Einparkassistenten aktivieren. Das System misst die Ausmaße der Lücke und berechnet den bestmöglichen Weg in die Parklücke sowie die erforderlichen Lenkmanöver. Dann übernimmt der Assistent: Der Fahrer lässt das Lenkrad los und kontrolliert den Parkvorgang nur durch Gasgeben und Bremsen. Das ist erst der Anfang: Je autonomer die Fahrzeuge fahren, desto mehr Informationen über Verkehr und Umgebung werden nötig, desto besser müssen diese Daten verarbeitet werden. Natürlich ist der Verkehr nur ein Teil unseres Alltags, in dem große Datenmengen wichtiger werden – auch Mediziner, der Online-Handel oder große Industriebetriebe setzen längst auf die sogenannten Big-Data-Analysen.

          „Big Data betrifft sehr viele Bereiche unseres Lebens. Darum hat mich dieses Gebiet der Informatik schon im Studium sehr interessiert. Auch meine Abschlussarbeit habe ich über die automatische Analyse von großen Textmengen geschrieben“, sagt Salomon. Schon vor der Begeisterung für große Datenmengen wurde ihr Interesse für die Informatik geweckt. Nicht in der Schule, sondern als Hobby widmete sie sich dem Programmieren. Auch für wirtschaftliche Zusammenhänge interessierte sich Salomon. Wirtschaftsinformatik an der Uni Regensburg war deshalb eine nur logische Studienwahl. Nach dem Abschluss ging sie für drei Monate nach Japan und machte dort ein Praktikum in einer Big-Data-Abteilung eines internationalen Großkonzerns. Nach ihrer Rückkehr nach Regensburg bewarb sie sich dann als Data-Analyst bei verschiedenen Unternehmen in der Region. Als sie die Zusage des Technologieunternehmens Continental bekam, musste sie nicht lange überlegen. „Die Verarbeitung der Datenströme in automatisiert fahrenden Autos ist ein absolutes Zukunftsthema. Continental ist auf diesem Gebiet sehr innovativ unterwegs, und ich kann viel lernen“, erklärt sie.

          Nach dem Abschluss arbeitete Salomon drei Monate bei einem internationalen Konzern in Japan.

          Ein weiterer Pluspunkt: Ihre Abteilung arbeitet mit vielen anderen Fachleuten aus dem Autobau zusammen. Kommunikation und Teamarbeit sind dabei mindestens genauso wichtig wie das Programmieren selbst. Doch nicht nur die inhaltliche Arbeit ist für die 26-Jährige reizvoll, sondern auch die Möglichkeiten, die ein internationales Unternehmen bietet. Neben einer weiteren fachlichen Spezialisierung ist es nämlich ihr erklärtes Ziel, für längere Zeit im Ausland zu arbeiten – am liebsten in Japan oder einem anderen asiatischen Land.

          Die Energieversorgung im Blick

          Alix von Haken ist den Schritt ins Ausland schon gegangen: mit dem Einstieg bei der ENBW. Im Moment hat sie im Rahmen eines 15-monatigen Traineeprogramms bei dem Energieversorger ENBW Energie Baden-Württemberg eine Station bei Fastned in Amsterdam eingelegt. Das junge Start-up beschäftigt sich mit einer dringenden Herausforderung der Zukunft, und zwar mit dem flächendeckenden Ausbau von Schnellladestationen für Elektroautos. Bereits in der Schule interessierte sie sich brennend für erneuerbare Energien und Stromnetze. Anstoß dazu gab ein Schulpraktikum in der zehnten Klasse in einem Heizkraftwerk. Eine prägende Erfahrung: „Nach den zwei Wochen stand für mich fest, dass ich am liebsten in der Energieversorgung arbeiten möchte“, erinnert sich die 25-Jährige. Einerseits reizen sie die komplexe Technik der Stromnetze und die Verknüpfung der verschiedenen Energieerzeuger, andererseits ist es ein Beruf mit Sinn. Immerhin geht es um die nachhaltige Energie der Zukunft und den täglichen Strom der Menschen. Nur bei Freunden und Verwandten stieß der ungewöhnliche Berufswunsch anfangs auf Erstaunen. „Je öfter ich hörte, dass ich mit meinem Abschnitt doch Medizin studieren könne, desto fester stand meine Entscheidung für die Elektrotechnik“, sagt von Haken und lacht. Nach dem Abi entschied sie sich für einen der letzten Diplomstudiengänge des Landes, an der Technischen Universität Dresden. Unter den 280 Erstsemestern waren zehn Frauen. Den Exotinnen-Status schüttelte sie schnell ab.


          Neben dem theoretischen Studium reizte sie der Blick über den Tellerrand. Deshalb bewarb sie sich im vierten Semester für ein Stipendium bei dem Karriere-Netzwerk Femtec. Dieses richtet sich explizit an junge Frauen in Informatik, Ingenieur- und Naturwissenschaften. Studentinnen bietet Femtec Seminare zu Präsentationstechnik oder Selbstmarketing sowie Kontakte zu erfolgreichen Frauen aus technischen und naturwissenschaftlichen Berufen. Auch der Austausch mit anderen jungen Frauen aus dem MINT-Bereich ist Teil der Netzwerkarbeit. „Ich habe bei den Workshops viel über mich sowie meine eigenen Stärken und Ziele erfahren. Außerdem lernte ich viele spannende Frauen mit ähnlichen Interessen kennen“, sagt von Haken. Auch über berufliche Ziele wird bei Femtec viel gesprochen. So kann sich die junge Ingenieurin durchaus vorstellen, später einmal Führungsverantwortung zu übernehmen – sowohl für ein kleines Team als auch für ein Produkt. Wichtiger sind ihr eine reizvolle Aufgabe, eigene Gestaltungsmöglichkeiten und die Chance, sich weiterzuentwickeln.

          Den ersten Schritt dazu hat sie nach dem Abschluss getan. „Auf den ersten Blick klingt diese Wahl vielleicht etwas spießig. Doch ENBW ist längst mehr als ‚nur‘ ein Energieversorger. Das Unternehmen beschäftigt sich mit wichtigen Zukunftsthemen wie Elektromobilität, erneuerbaren Energien oder smarten Netze“, erklärt von Haken. Als Trainee bekommt sie dabei einen Überblick über all diese Themen. Ihr erster Einsatz führte sie in die Forschungsabteilung, wo sie sich mit der Energiegewinnung mittels tiefer Geothermie beschäftigte. Anschließend bekam sie im Außendienst einen Einblick in die Störungsbehebung im Verteilnetz und arbeitete in der Netzplanung mit an der Verbesserung der Stromverfügbarkeit für die Netzkunden.

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