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Berufs-Klischees : Schluss mit den Vorurteilen

  • -Aktualisiert am

Arbeiten auf Zypern: Reisen muss für eine kompetente Beratung heute keiner mehr. Bild: EPA

IT-Berater sind einsame Nerds in stillen Kämmerchen und Versicherungsmakler Klinkenputzer? Von wegen, Berufe wandeln sich rasant – und lassen Klischees bröckeln.

          3 Min.

          Eine typische IT-Mitarbeiterin ist Susanne Weller nicht. „Es gibt Brains, die sind mit wenigen Sozialkontakten viel glücklicher“, erzählt sie. Was sie damit meint, ist, dass manche Entwickler ein altes Klischee erfüllen: Sie beherrschen Programmiersprachen, arbeiten zu nachtschlafender Zeit, in einem stillen Kämmerchen und reduzierten schon vor Corona ihre Kontakte auf das Notwendigste. Obwohl sie über diverse Programmiererfahrung verfügt, sagt Susanne Weller lachend: „Auf deren Level werde ich nie kommen. Außerdem rede ich gerne.“ Das macht die Tübingerin zu einer guten Übersetzerin: Auf der einen Seite die Kunden mit ihren Anforderungen und Wünschen an die Software, auf der anderen Seite die Programmierer, die das alles in Nullen und Einsen umsetzen sollen. Das ist eine ihrer Aufgaben als „Product Ownerin“: mit ihrem Team stetig ein Produkt zu verbessern und damit dessen Wert zu steigern.

          Zum Programmieren kam Susanne Weller indirekt durch ihre Schwangerschaft. Als Biologin durfte sie nicht mehr ins Labor und schrieb deshalb ihre Promotion über ein theoretisches Thema, dafür lernte sie programmieren. Danach gründete sie mit vier Kollegen in Oxford ein Start-up, leitete ein Team mit 15 Leuten und führte, unterstützt von einem Mentor, viele Kundengespräche. Sie lernte, wie man Programme möglichst einfach gestaltet, etwa für einen Sozialverein, dessen Klientel kaum über Computerkenntnisse verfügt. Oder für UNICEF, für die sie in Nigeria eine App entwickelte, wie Impfstoffe effektiv zu den Menschen kommen. „Es wird immer wichtiger, dass eine Software kundenfreundlich ist. Dazu gehören Übersichtlichkeit, Gestaltung oder Farben“, sagt sie. Je wohler sich Nutzer fühlen, desto motivierender ist der Einstieg in eine neue Software oder die regelmäßige Anwendung. User Experience heißt das im IT-Slang.

          Das Bild vom einsamen Nerd

          Für das schwäbische Unternehmen IT Design hat sie sich vor einem Jahr aus zwei Gründen entschieden: Vor allem wollte sie ein bestehendes Produkt im Kontakt mit Kunden weiterentwickeln. Die Möglichkeit bietet ihr das Unternehmen mit dem Cloud-Produkt „Meisterplan“, mit dem Kunden ihr Projekt-Portfolio mit einer schlanken Softwarelösung managen können. Außerdem begeistert sie die Unternehmenskultur der Tübinger: Als Alleinerziehende kann sie in ihrer Heimatstadt bei einem überdurchschnittlich familienfreundlichen Unternehmen ihre Ziele verfolgen. Ihre sechs Entwickler im Team sind Männer. „Ungewöhnlich für ein Unternehmen, in dem es viele ausgebildete Programmiererinnen gibt“, sagt Susanne Weller. „Außerdem kommunizieren sie gerne.“ Deshalb fühlt sie sich mit ihren Kollegen wohl und führt gemeinsam mit ihnen Kundengespräche. Das Bild vom Entwickler als einsamem Nerd passe immer seltener in den Arbeitsalltag, findet sie.

          Den Vorurteilen gegenüber ihrer Zunft widerspricht auch die Arbeitsweise von Bee Andersen. Während andere noch davon träumen, hat die Versicherungsberaterin im Jahr 2011 Deutschland den Rücken gekehrt. Zunächst in Thailand, heute auf Zypern blieb sie allerdings ihrem Job und den deutschen Kunden treu. „Während Video- oder Telefonberatung anfangs noch unüblich waren, ist das heute mehrheitlich gewünscht“, erzählt die 49-Jährige, die früher rund 40.000 Kilometer pro Jahr im Auto saß. Immer wieder habe sie an Abenden in fremder Leute Wohnzimmer gesessen, um Policen zu verkaufen. „Da hat man oft gemerkt, dass es den Klienten gar nicht recht war, dass ich auf dem Sofa saß und über Krankenversicherungen sprechen wollte, während die Kinder rumtobten, der Fernseher lief und das Abendessen auf dem Herd stand.“ Heute können Kunden und Berater eine Onlineberatung zeitlich und räumlich so legen, dass sie Ruhe und Zeit haben.

          „Klassische Vorurteile ziehen nicht mehr“

          Einige Gesprächspartner schalten während der Präsentation die Kamera sogar ab, um ihre Privatsphäre zu wahren. Reisen muss für eine kompetente Beratung heute also keiner mehr. „Der Job als Versicherungsmaklerin hat sich komplett gewandelt. Klassische Vorurteile ziehen da nicht mehr“, sagt Andersen. Sie schätzt die Zusammenarbeit in einem Netzwerk, online und ortsunabhängig. „Dadurch ist es möglich, dass ich nur noch Kunden berate, die echtes Interesse haben und denen ich zielgerichtet und schnell helfen kann.“ Auch schön: Zeitraubende und bürokratische Abwicklung von Verträgen lagert sie an ein gemeinsames Backoffice aus.

          Sie arbeitet mit dem Fachzentrum für Finanzen in Lippstadt zusammen. Inhaber Dieter Homburg ist bekannt in der Branche der Krankenversicherungen. Weil viele Interessenten von sich aus auf Andersen zukommen, fallen klassische Kaltakquise und Klinkenputzen für sie weg. Ein echter Gewinn an Lebenszeit und Lebensqualität. Und auch finanziell lukrativ: „Da ich jetzt nur noch Kunden berate, die mit einem konkreten Anliegen auf uns zukommen, ist die Abschlussquote und dementsprechend auch das Einkommen viel höher als früher.“ „Neben dem materiellen Gewinn sind auch die persönliche Wertschätzung und der Austausch der Kollegen untereinander eine Währung, die Leistung bezahlt macht“, sagt Homburg.

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