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Geist mit Zukunft : Dr. phil. 4.0

Habe nun ach ... und wie geht es weiter in der digitalen Welt? Bild: dpa

Zwei neue Studien machen Geisteswissenschaftlern beruflich Hoffnung für die Zukunft. Oder versucht die Wirtschaft nur, sie mit etwas Zuckerbrot auf Linie zu trimmen?

          2 Min.

          Die Berufsaussichten für Wirtschaftswissenschaftler sind auch nicht mehr das, was sie waren. Stärker als bisher bekannt, konkurrieren sie mit Geisteswissenschaftlern um Führungspositionen in der Wirtschaft. So zumindest kann man mit viel gutem (oder bösem) Willen zwei neue Studien des Instituts für deutsche Wirtschaft in Kooperation mit dem Stifterverband und der Gerda Henkel Stiftung verstehen. Von der halben Million erwerbstätiger Geisteswissenschaftler in Deutschland, das Lehramt ausgenommen, arbeiteten im Jahr 2016 schon 140.000 als Führungskräfte. Das klingt, wenn man auf Geistis traditionell eher herabschaut, nach erstaunlich viel.

          Berufserfahrene männliche Geisteswissenschaftler, heißt es, stünden so gut da wie der Durchschnitt aller Akademiker. Selbst die von vielen belächelte Promotion, die, verzichtet man aufs Pfuschen, schon ein paar einsame Stubenjährchen kosten kann, soll sich lohnen. Jeder dritte Dr. phil. verdient im Monat viertausend und mehr Euro netto. Wenn der geisteswissenschaftliche Nachwuchs – diese Haltung liest man aus den Studien heraus – jetzt noch bereit wäre, sich weiter zu verbiegen, seine inzwischen ohnehin bis zur Servicementalität reichende Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit („gerne“, „genau“) weiter zu steigern sowie seine „Future Skills“ aufs Digitale auszuweiten, stünde ihm eine gute Zukunft in der Industrie 4.0 bevor. Denn die eher schlechte Nachricht ist, dass der im Zuge der Bologna-Reform neu geschaffene, eigentlich aufs Berufsleben schnittig vorbereiten sollende Bachelor-Studienabschluss aus Sicht der Wirtschaft immer noch floppt.

          Vor allem weibliche Bachelors sollen es laut den Publikationen im Berufsleben schwer haben. Kann es sein, dass die in der Wirtschaft auch bei Geisteswissenschaftlern nachgefragten Skills eher klassisch-männlicher Natur sind? Und nur für den Hinterkopf: Womöglich haben viele Geisteswissenschaftler eine eigene Mentalität, sind vermehrt wachstumsskeptisch, manche haben wohl gar ein Verständnis von Nachhaltigkeit, das mit dem verbreiteten Wirtschaften nicht übereinzubringen ist. Aus den Studien hingegen spricht die Haltung: Der Bachelor ist vom Kommunikationskompetenzanteil her ja schon ganz schön, nur hätte man bei der Konzeption neben der Kür – der Geisteswissenschaft im engeren Sinn – die Pflicht nicht vergessen sollen, also das Büffeln für die digitale Berufswelt.

          Argumentativ gesehen, ist das auf viele Fälle angewendet so, als würde man einem Veganer sagen, er wäre ja eigentlich der perfekte Vegetarier, er solle sich künftig nur einfach an Milch gewöhnen. Ist der Weg zum gefragten Facharbeiter nicht doch etwas steiniger für Geisteswissenschaftler? Oder können Geistis alles, wenn sie nur wollen und sich nicht unterschätzen? Diese Frage beantwortet gerade ein Altertumswissenschaftler, der es jüngst zum britischen Premierminister brachte, auf seine Weise. Das kann der Wirtschaft auch nicht recht sein, zumal der Wirtschaftswissenschaftler an der Spitze der Vereinigten Staaten keine bessere Figur macht. Vielleicht sollte man doch lieber über eine grundlegende Reform des Universitätswesens nachdenken, über eine, die Geisteswissenschaftler und ihre Fähigkeit zur Durchdringung einer immer komplexer und bedrohlicher werdenden Realität wirklich ernst nimmt.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

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